|
|
Nun hatte er sie voll in der Hand. Er liebte dieses Spiel. Am Anfang musste er ihnen geben, wonach ihr beschränkter Geschmack verlangte. Er musste sie überfüttern mit dem Mist, den sie wollten, sanft in seine eigene Richtung lenken, bis der Moment kam. Wenn die Stimmung umschlug, hatte er sie in der Hand.
Das Fortress war wie jeden Freitag – und auch an jedem anderen öffnungstag – völlig überfüllt. Es hatte ein einzigartiges Ambiente, weil wirklich im übrig gebliebenen Haus einer früheren Festung untergebracht. Eine Festung, die vor undenkbar langer Zeit in einem vergessenen Krieg zu Asche zerfallen war. Schon zum Tanzlokal umgestaltet, als quengelige Denkmalschützer noch gar nicht existierten, um diesen Frevel an Kulturgut aufzuhalten.
Das In-Publikum aus nah und fern bewegte sich schwitzend zu einer ausgefeilten Lightshow im Takt der Musik. Die Einrichtung war ein krasser Kontrast aus futuristischem Stahl und altertümlicher Wucht. Das Fortress bebte und meist hatte sein Fingergeschick an Plattentellern und CD-Playern es vollbracht. Er war eine Legende.
Er überlegte gerade, womit er nun seine Freiheit bei der Wahl des nächsten Liedes auskosten würde, als er sie sah. Sie stach ihm trotz so vieler wohlgeformter Frauenkörper sofort ins Auge. Sie musste noch sehr jung sein. Die atemberaubende Unschuld in ihrem Blick, ihre schlanke Taille, die elegante Gestalt, jeder Zentimeter ihres Körpers war perfekt. Trotz tiefem Dekollté und starkem Make-Up wirkte sie wie ein Engel. Ein Engel, der sich an diesem Abend aufgemacht hatte, zu fallen. Tief zu fallen und die Sünde zu kosten. Ihm zu verfallen, dem Meister der Nacht.
+++
Was tat er hier? Verkrampft krallten sich seine Finger an das soeben bestellte Wasser. Stillos hatte man es ihm in einer Plastikflasche serviert. Offenbar war Koffein zugesetzt. Es sollte wohl nichts in dieser Höhle des Lasters geben, was nicht auf irgend eine Art berauschend wirkte. Wie eine Kinderflasche war sie konzipiert und gab ihren Inhalt nur frei, wenn man ihn selbst aus dem Inneren sog.
Angewidert wandte sich der Mann an der Bar ab. Er war mit Anfang 30 einer der älteren hier. Noch einige anderen Gäste, auch der DJ, der nun ein Gespräch mit diesem Mädchen begann, wirkten aber ebenfalls nicht wesentlich jünger. Was sie alle hier in diesem Alter noch hier machten, war ihm schleierhaft. Schon seit zehn Jahren war er nicht mehr in solch einem Etablissement gewesen.
Warum hatte es ihn hierher gezogen? Es war wohl der Abenteuergeist aus seiner Jugend gewesen, die verpassten Chancen. Vielleicht war es auch sein tiefer Glaube, der ihn auf diesem Weg hierher gebracht hatte. Seine Weihe war nur gerade eine Woche her. Hoffentlich war niemand von der Kirchenjugend hier. Er konnte sich denken, dass sich unter derem braven Auftreten einiges verbarg, was sie ebenso in diese zuckenden Monster hätte verwandeln können. Sein Besuch in diesem verrufenen Laden würde sich in der neuen Gemeinde sofort herumsprechen.
Die Kirchenjugend. Ein dunkler Gedanke kam in ihm auf. Schnell schaute er noch einmal zu der Gesprächspartnerin des DJs und schaute sie konzentriert an. Er blickte hindurch durch ihr üppiges Make Up und schaffte es auch nach einer gewissen Weile, sich von ihrem jugendlichen Busen, von dem sie heute so viel zeigte, nicht mehr allzu sehr ablenken zu lassen. In der Tat, sie war es. Im Kirchenchor letzten Sonntag, in der ersten Reihe. Das Mädchen mit der goldenen Stimme. Diese Kehle, die dem göttlichen Herrn auf so wunderbare Weise Lobpreis zuteil werden ließ. Die ihn in seinem Weihegottesdienst verzaubert hatte. Mit ihrer selbst hier unübersehbaren makellosen Schönheit. Dieser irdische Engel, er hätte ihn hier im Zwielicht unter dieser schändlichen Maskerade beinahe nicht erkannt.
Was sollte er tun? Wie konnte er aus dieser Situation herauskommen? Er kannte die Eltern dieses Mädchens, brave gottesfürchtige Leute. Gar kein strenges, verknöchertes Paar, wie so viele andere im Pfarrgemeinderat, sondern eine harmonische, glückliche Familie. Die einzige Tochter.
+++
Ihre zugleich so unendlich faszinierenden und faszinierten Augen fixierten ihn unaufhörlich. Sie war ihm unwiderruflich verfallen. Es war einer jener Momente, die vielleicht nur einmal in Jahrhunderten geschahen. Er hätte eine unheilvolle Vorfreude verspüren müssen, denn sie ging mit ihm auf sein Refugium zu, seine uralte Wohnstatt. Doch diese Augen, voller Unschuld und voller Gefühl. Zugleich faszinierten, zugleich beunruhigten sie ihn. Dieser Ausdruck, dieses unergründliche Blau passten überhaupt nicht zu ihm, zu seinem Dasein, seiner Bestimmung.
Schon waren sie am hinteren Ende des Saals angekommen, an dem schmalen Gang. Doch er wählte nicht die hinterste Tür, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, sondern die davor. Die dortige Kammer war mit dem Refugium verbunden und so stand ihm der Weg noch offen, nachdem er wieder Herr seiner Gefühle geworden war.
Im Plauderton hatten sie sich auf dem Weg hierher über Belanglosigkeiten unterhalten, während ihre Augen eine andere Sprache gesprochen hatten, die in ihm so zwiespältige Gefühle hervorrief. Nun war Schweigen eingekehrt, das sich nach dem Schließen der Tür und Aussperren der Musik in erwartungsvolle Stille verwandelte. Bevor er überhaupt realisierte, was geschah, schmiegte sich ihr weicher, warmer Körper vollendet in seinen Armen, während sich sein Blick in ihren blauen, hilflosen Augen verlor. Er spürte noch kurz ihren sanften Atem in seinem Gesicht, bevor sein Blick von ihren tiefroten Lippen wie magisch angezogen wurdenwurde, die sich bebend unaufhörlich auf die seinen zu bewegten. Dann sah er nichts mehr, denn seine Augen schlossen sich, bevor er die Weichheit und Wärme dieser unendlich schönen Lippen schmeckte und sich einen langen Moment wie in einer endlosen Weite befand.
Doch während sich nun auch ihre Lippen wie im Tanz vereinigten, erwachte wieder sein eigentliches Selbst, das, wie einen Moment unter dem Eindruck des Augenblicks, verstummt war. Es bohrte sich durch ihn hindurch und beherrschte ihn wieder. Doch es vermochte dieses tief empfundene Gefühl für dieses schwache und doch so starke Geschöpf nicht mehr zu verdrängen. So verbanden sich sein Trieb und das Gefühl und es formte sich ein Plan, den er so noch nie gehabt hatte. Sie sollte seine Gefährtin sein. Seine Gefährtin auf ewig, eins mit ihm in dieser nicht enden wollenden Nacht. Er spürte das Aufkeimen dieses starken Triebs, dieses existenziellen Verlangens. Der Trieb ergriff Besitz von ihm und verband sich mit seiner neuen, tiefen Leidenschaft. Er spürte die Veränderung an seinen Reißzähnen, das Gleiten seines Mundes zu ihrem zarten, makellosen Hals. Er öffnete seinen Mund und vergrub seine Fänge tief in dieses Geschöpf um ihr köstliches, unschuldiges Blut zu trinken. Wie immer spürte er zunächst bei ihr dieses kurze Erschrecken, dieses Beben wegen des Schmerzes, mit dem ihre Adern geöffnet wurden. Doch dann war alles anders. Kein allmählich erschlaffendes sich wehren wie bei anderen. Sie gab sich ihm hin. Sie leistete keinerlei Widerstand und ließ ihn ihren warmen, roten Lebenssaft in genüsslichen Schlucken trinken.
+++
Sie waren in die vorletzte Tür entschlüpft. Nun stand er schon seit einer ganzen Weile unschlüssig davor. War es Zeit, hier eine Unschuld zu retten, wie in einem alten Film?
Nach einigen Minuten des überlegens öffnete er die Tür. Was er danach sah, überstieg seine schlimmsten Alpträume. Blut, überall Blut! Ein auf dem Tisch liegendes, unendlich schönes und schwachen Mädchen und an seinem Hals eine entstellte, sich dort festsaugende Kreatur. Sie trank sein Blut. Sie trank wirklich Blut! Starr vor Schreck stand er da und hätte eigentlich heilfroh sein können, dass eben jene Kreatur ihn in ihrem Mahl noch nicht bemerkt hatte. Dann war da eine wuchtige Hand und die Tür fiel wieder zu. Neben ihm stand einer der Türsteher, der das Treiben drinnen wohl nicht gesehen hatte. Konzentriert war sein Blick vielmehr auf den Jungpfarrer gerichtet.
„Gästen ist der Zutritt hier verboten!“, tönte es mit tiefer Stimme. Nur langsam drang der Sinn des Gesagten zu seinem Gehirn. Dieses lieferte dazu die Information, dass er diesen Menschen am Eingang erblickt hatte. Dann öffnete sich die Tür vor ihm und der DJ schaute heraus.
„Ein ... ein Vampir ... ein ... ein echter Vampir“, stammelte der Priester, während er von Mike durch das Gebäude geschleift wurde. Doch dieser schüttelte nur die Kopf. „scheiß Junkies“, murmelte er, „keinen Bock auf die Cops. Hoffentlich gibt´s nur ein Hausverbot.“.“
Vorsichtig schloss der Priester wieder die Tür. Unmöglich, ungesehen an den beiden vorbeizukommen. Sonst existierte kein weiterer Fluchtweg. Die Gedanken des Geistlichen überschlugen sich. Raus. Erst einmal raus musste er. Den Rest könnte er sich dort überlegen.
Leise öffnete er erneut die Tür. Mike saß halb mit dem Rücken zu ihm. Das diesem gegenüber stehende Barmädchen konnte ihn sehen, doch er musste es riskieren. Vorsichtig schlüpfte er aus seinem Verließ. Die junge Frau sah zu ihm herüber. Gelangweilt blickte sie den Priester an, drehte den Kopf wieder zu Mike, der weiter mit ihr flirtete.
Mit einem Satz war der Priester draußen in der Nacht. Verbarg sich im nächsten Gebüsch. Dort verbarg er sich in einem Gebüsch. Was nun? Diese Geschichte würde ihm niemand glauben. Sollte diese Kreatur besiegen? Alte Vampirfilme spukten in seinem Kopf herum. Er war Priester, hatte Er Er hatte den idealen Beruf für eine solche Aufgabe. Was half gegen solche Bestien? Kruzifixe, Sonnenlicht, Weihwasser, Knoblauch, Pflöcke durchs Herz? Nun ja, es war mitten in der Nacht. So blieben wohl nur noch vier Dinge übrig. Er blickte auf die Plastikflasche in seinen Händen. Das Koffeinwasser. Er hatte es immer noch dabei.
Sofort begann er mit der ErEr machte sich an die Arbeit. Sein geweihter Kreuzanhänger, die notwendigen Segnungsformeln und schon müsste sich eigentlich Weihwasser in der Flasche befinden. Ob das Koffein bei der Wirkung störte?
„Ich brauche Knoblauch“, sagte er. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. War sie ebenfalls im Bunde des Bösen? „Das sieht aus wie ein Geschäft?“, entgegnete ihm die Frau und blickte sich hastig nach ein paar ein Stück von ihr weg liegenden Küchenmessern um. Ihr ängstlicher Blick fiel auf ein paar abseits liegende Küchenmesser.
„Hier gibt es kein frisches Essen. Nur Tütenessen. Keinen Knoblauch“, erklärte die Frau. Ob das die Gäste wussten? Wäre ihnen möglicherweise egal. Der Priester öffnete die Tür Richtung Disco und befand sich mit einem Mal im Gaststättenbereich. Hier saßen eine Menge ausgehungerter Tänzer und stärkten sich beim Verzehr vorgefertigter Pizzen und chinesischer Reisgerichte. Niemand nahm von ihm Notiz und so begab er sich unauffällig auf den Weg zum Toilettengang. Dort angekommen hielt er seine Flasche im Anschlag und versuchte erst die beiden benachbarten Türen zu der mit der grausamen Szene zu öffnen. Bei der vorderen Nachbartür erntete er wütenden Protest von einigen Mädchen, es handelte sich um die Damentoilette. Die ganz hinten wiederum war fest verschlossen und so konzentrierte sich unser Priesterheld auf das Zentrum des Geschens und öffnete mit einem Rück die Pforte zum Ort des Grauens.
+++
Endlich war er hier mit ihr in seinem Refugium im Keller angekommen. Sie würden die erste Zeit zusammen in seinem Sarg verbringen, aber später würde er ihr sicher eine eigene Schlafstatt für die unselige Tageszeit besorgen.
Dann war da noch der DeDen Störenfried von vorhin musste er noch ihn erunauffällig beseitigen. Seine Gedanken gingen bereits zu den vielen netten Instrumente im Festungskeller, die er an ihm ausprobieren würde. Nur durfte dessen Blut dabei natürlich auf keinen Fall verloren gehen. In In IFlaschen abgefüllt würde es könnte es die magere Kost von Tierblut vom aus dem – man konnte ja nicht unauffällig ständig Leute umbringen – und abgestandenen Blutkonserven etwas auffrischen. Für solche Zwecke hatte er sich wiederverschließbares Leergut – eine exzellent abgefüllte Biermarke – abgezweigt.
Vorsichtig legte er den schlaffen Körper des Mädchens auf einen in der Mitte des Raums liegenden Steintisch. Ein flaches Heben und Senken ihrer Brust zeigte das immer noch vorhandene Leben ihr Atmen und löste in ihm wieder eine Welle des Gefühls und Verlangen aus. Wunderschön sah ihr entspanntes, blasses Gesicht im Licht einiger Fackeln aus, die diese Gruft beleuchteten. Für das eigene Heim bevorzugte er aus Gewohnheit noch immer diese traditionelle Art der Erhellung gegenüber den modernen, kalten, elektrischen Licht. Bewundernd blieb er stehen und betrachtete ihre sanften Gesichtszüge. Dieses seltsame, beunruhigende Gefühl, das er vor langer Zeit schon einmal empfunden haben musste, aber nie in dieser Stärke. Es ergriff wieder Besitz von ihm. Dann erinnerte er sich an die bevorstehenden Aufgaben und wandte sich widerwillig ab. Irgendetwas schmeckte seinem Denken an all diese ungewohnte Gefühlswallung nicht. Den Grund hierfür konnte er sich nicht genau erklären. Doch damit wollte er sich später beschäftigen.
Als er sich unwandte, sah er ihn: Den Mann, der schon oben Zeuge seines wahren Ichs gewesen war. Dieser zitterte vor Angst. In der einen Hand hielt er mit der öffnung nach vorne eine Plastikflasche, in der anderen einen Besen, dessen Holzstil wie ein Speer am oberen Ende etwas ungeschickt angespitzt war. Was für ein lächerlicher Anblick. Der Vampir hatte gleich erkannt, dass es sich in der Flasche um Weihwasser handelte und der Mann auch über ein geweihtes Kreuz verfügte. Beides würde bei Berührung auf ihn wie eine starke Säure wirken. Doch das sollte schon alles sein? In früheren Jahrhunderten waren die Jäger versierter gewesen.
Der Vampir ließ ein Zischen vernehmen, das dem Priester den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Ungeschickt versuchte er eine Spritzattacke. Doch der Vampir hatte viel zu schnelle Reflexe, als dass so ein Angriff eine Chance gehabt hätte. So klammerte er sich verzweifelt an seinen ebenso improvisierten Holzspeer. Der Vampir umkreiste ihn lauernd. Der Pfarrer hielt ihn mit dem spitzen Ende des Besens auf Distanz, versuchte, sich zwischen den Untoten und das auf dem Tisch liegende Mädchen zu bewegenzu schieben.
Den Vampir beeindruckte sein Gegner nicht. Sein Sein Blick ruhte auf seiner Geliebten hinter diesem. Sie schien zu sich zu kommen, ließ ein leises Stöhnen vernehmen. Ihre Finger erzittertenzuckten leicht, dann öffnete sie die Augen und blickte ihn an. Liebe und Ergebenheit lag in diesem Blick. Sie würde mit ihm gehen, egal wohin er sie führte.
Für einen Augenblick hielt er inne im Kampf. Doch der Priester war so ungeübt in einer solchen Auseinandersetzung, dass er nicht einmal diese Chance für sich wahrnahm. Der Vampir war wie betäubt. Was sollte er tun? Jetzt war dieser lichte Moment und er wusste, er würde nicht lange dauern. Zu stark wurde er beherrscht vom Grund seines Daseins, dem er nun zum ersten Mal seit undenklicher Zeit für wenige Momente entrissen wurde. In wenigen Augenblicken würde er ihn wieder im Griff haben, ihn, i,, ihm mit dem Traum von Fürstin und Fürst der Dunkelheit die Sinne vernebeln. Es gab nur einen Ausweg.
Beherzt stürzte er sich auf den Priestergriff der Vampir seinen Gegner an. Doch er zermalmte ihn nicht. Mit voller Wucht stürzte er sich auf den angespitzten Speerersatz in dessen Händen, warf sich direkt mit seiner Brust darauf und ließ sich durchbohren. Der Priester hatte sich völlig verkrampft an den Stil geklammert und so drang er tatsächlich ein und durchbohrte den Körper des Untoten. Auf seinem Rücken trat er wieder aus. Kraftlos sank der Vampir zusammen, fiel zu Boden und regte sich nicht mehr.
Der Priester erstarrte. Dann taumelte er ein wenig rückwärts und stieß dabei an das Mädchen. Er sah auf es herunter. Es lag regungslos da. Vorsichtig hob er den zarten, zerbrechlichen Körper an und trug ihn ihn durch eine Tür am hinteren Ende des Raums. Müde und erschöpft stapfte der Priester mit der jungen Frau in die Dunkelheit.
+++
Das Fortress war wie immer überfüllt. Katja – oder wenn es nach ihr ginge – Djane Kat – hatte Mühe, überhaupt vorwärts zu kommen. Drei Monate war nach dem plötzlichen Tod des Vorbesitzers, um den sich viele Gerüchte rankten, der angesagteste Laden der Stadt geschlossen gewesen. Nun hatte er seit zwei Wochen wieder eröffnet. Es könnte doch sein, dass sie noch einen DJ suchten? Immerhin legte der neue Besitzer im Gegensatz zum alten nicht selbst auf. Wer weiß, ob sich nicht noch andere der alten Besatzung neue Läden gesucht hatten.
Noch aus einem anderen Grund machte sich Katja Hoffnungen, mit ihrer Demo-CD ein offenes Ohr zu finden. Der neue Besitzer war eine Frau. Katja hatte immer das Problem, dass sie als junge Frau es in diesem Geschäft schwer hatte. Wenn man sie überhaupt ernst nahm oder ihre Vorsprachen nicht gar nur als Gelegenheit zu Annäherungsversuchen auffasste.
Sie fragte eine Bedienung nach der Chefin. Diese zeigte auf eine Tür im Hintergrund und wies sie an, hinein zu gehen. Bei all den durstigen Gästen hatte sie keine Zeit, sich länger mit Katja zu beschäftigen. Katja klopfte an die besagte Tür und als sie keine Antwort hörte, fasste sie sich ein Herz und trat einfach ein.
„Was gibt es?“, tönte es. Katja konnte das Gesicht der Frau nicht erkennen, nur ihren Umriss. Sie musste gesprochen haben, denn sonst war niemand da. Katja war durch die merkwürdige Umgebung etwas verunsichert.
Es war ein goldenes Kreuz an einer Halskette. So eins hatte sie schon die ganze Zeit überall gesucht. Wo hatte diese merkwürdige Disco-Chefin das nur her?
„Dieses Kreuz da um deinen Hals, wo hast du es her? Ich suche genau so einen Anhänger schon seit Monaten!“
Irgendwie hatte Katja ein gutes Gefühl, als sie den Raum wieder verließ. Eine sympathische Frau. Wahrscheinlich deswegen klappte es auch unter ihrer Führung im Fortress gut.
Man durfte auch nicht zu viel geben auf all das Gerede, das nach der Schließung des Ladens entstanden war. Von Mord war zunächst die Rede, dann hieß es, es seien keine fremden Spuren gefunden worden waren. Dann wurde es immer abenteuerlicher. Der tote Vorbesitzer habe mit seinem Blut auf den Kellerboden geschrieben, wer das Fortress nach ihm besitzen solle. Er sei schon viel länger tot gewesen, da man seinen Leichnam schon wie seit langem verwest aufgefunden hätte – obwohl man ihn am Tag seines Verschwindens gesehen habe. Die Leute denken sich viel aus, wenn etwas Anlass zu Spekulationen gab. Die neue Besitzerin war wohl einfach seine Freundin gewesen und nun ein Glückspilz, da sie ein Vermögen geerbt hatte.
Katja beschloss, noch ein wenig der Musik zuzuhören. Danach ging sie voller Zuversicht in die Nacht hinaus.
|