Vor dem Sturm 24.05.1998 Lieber Leser, Endlich ist es soweit: „Die Zeit der Heimkehr“ ist fertiggestellt. Beim Schreiben dieses Buches haben mir viele meiner Freunde mit helfender Hand beiseite gestanden. Mir liegt viel an Deiner Meinung! Bitte schreibe mir unter: email: sturm@michaelzeidler.com webpage: michaelzeidler.com (Gästebuch) Und nun viel Spaß! Danke Sabine, danke Johannes für Eure Tritte und ewiges Herumgenörgel! Damals Die Nacht, in der Evveril starb, war warm und klar. Gefaßt hatte er sich auf seine letzten Atemzüge vorbereitet, denn längst hatte er das Ende seiner Zeit erahnt. Der weise Barde hörte die Stimme des Todes im Sausen des Sommerwindes und sah die Zeichen im Flug der Schwalben und in den quirligen Bildern der Wolken. Und als die letzten Sonnenstrahlen die Wiesen und Felder in den Schlaf streichelten und die schneebedeckten Gipfel des Chryseirgebirges rotglühend die Nacht begrüßten, als die Lagerfeuer lebhaft zu prasseln begannen und die von der Feldarbeit erschöpften Männer und Frauen auf einen letzten Trunk zusammenkamen, war für Evveril den Hochbarden die Zeit der Dichtung gekommen. Er schleppte seine altersmüden Knochen die unzähligen Stufen des Al’Orash empor, bis in die oberste Stube, direkt unter dem Kupferdach, in der nur ein wurmstichiges Schreibpult, ein fleckiger Kerzenleuchter, ein Tintenfaß, ein alter, ausgefranster Federkiel und etwas vergilbtes Pergament auf ihn warteten. Mit jeder Stufe, die ihn der Turmstube näherbrachte, wuchs die Ahnung zur Gewißheit, daß er nie wieder hinabsteigen würde, daß er seinen Weg zuende gegangen war, und daß er nur noch eine Aufgabe zu vollbringen hatte, die ihm die Götter auftrugen: Zu schreiben über Anfgang und Ende der Aladrai, zu berichten über die unendliche Gnade der Götter, die ihren gefallenen Kindern eine letzte Chance geben; und diese Aufgabe war von solcher Größe, daß Evveril glaubte, vor ihr vergehen zu müssen. An diesem letzten Abend seines langen Lebens hatte er seine berühmteste Ballade, die als Evverilslied in die Geschichte eingegangen ist, geschrieben. Seine zittrigen Hände ergriffen den Federkiel, tauchten ihn tief in die dunkelrote Tinte, striffen den überflüssigen Tropfen am Rand des Tintenfasses ab und begannen, vorsichtig, mit schnörkeliger Schrift zu schreiben. Sein letztes Werk bannte Evveril nicht auf Pergament, sondern auf die ledrige Haut eines der letzten der majestätischen Drachen, die er nur für diesen Zweck jahrzehntelang in den Tiefen seines Pultes aufbewahrt hatte. Und er schrieb die Geschichte seines stolzen Volkes, wie sie begann und wie sie einst enden wird. Er erzählte vom Aufstieg und wie es zum Niedergang kam und schließlich von der Wiedergeburt in den freudigen Zeiten, wenn der himmlische Schakal sein Auge für immer von der Welt abwendet und Vaars mahnender Finger aus Trauer über Singelfings Tod Valathirs gütigen Blick in die Kleider der Vespen hüllt. Friar selbst, der wohlsingende Gott der Barden, führte seinem Schützling die Hand und hielt ihn wach, bis er sein großes Werk vollendet hatte, und als es soweit war, schloß er ihm mit sanfter Hand die Augen und geleitete ihn nach Valathir’ra, wo die Ehrlichen nach dem erschöpfenden Leben ausruhen. Evveril war gestorben, aber sein prophetisches Werk wurde von Hochbarde zu Hochbarde weitergegeben und überdauerte so die Jahrhunderte. Und das Volk lauschte den Worten der Barden, und in seiner Brust glomm der Funke der Hoffnung, unerstickbar, daß eines Tages Evverils Prophezeihung wahr würde, und mit Singelfings himmlischem Opfer die strahlende Zeit der Wiedergeburt eingeläutet würde. Doch nach Jahrhunderten des Gebrauchs wird selbst Drachenleder brüchig, und die Worte des weisen Evveril verblaßten langsam auf der alten Haut. So entschlossen sich die Barden, das Werk des Meisters zu übertragen, in der uralten Schrift der Weisen, auf Marmor, auf Pergament, auf Eisen, auf Holz, und eine Kopie des Werkes sandten sie in jede der vier mächtigen Städte, auf daß der unermeßliche Schatz nie verloren ginge, und das wertvolle Original sicherten sie in den Tiefen des Al’Orash, wo es geschützt vor den Unbilden der Natur überdauerte. Als dann ungläubige Männer aus dem eisumfangenen Osten auszogen, die blühende Welt zu erobern und ihre blutige Fußspur der Verwüstung den zivilisierten Landen aufpreßten, brach die lange Zeit der Tränen an. Und nachdem der Sturm aus Eis und Blut verzogen war, war es still geworden um den Al’Orash und um Evverils Lied. Doch ein Barde erinnerte sich vage der Worte des alten Meisters und machte sich auf die schwierige Suche durch die Ruinen der Städte, um zusammenzufinden, was geteilt. Und er fand die alte Schrift auf verkohltem Holz, in gesprungenem Stein, auf vergilbtem Pergament und zerschmolzenem Eisen und als er alle Bruchstücke der wahrsprechenden Ballade beisammen hatte, fügte er sie zusammen, und Evverils Lied erstieg von Neuem aus der verbrannten Erde. Der Name des Barden aber war Phylik der Wissende, Hochbarde einer düsteren Zeit, die von Kriegen und Seuchen geprägt, nur wenig Raum und Muße für Lieder ließ, und da es der Hochbarden nur noch wenige gab, rettete er das Lied über die Zeit, indem er es übersetzte in die Zunge des Volkes. Doch dann schlug die Mutter aller Katastrophen zu, die als das Große Feuer einging in das Gedächtnis der Völker und verschlang alles, was da lebte und erbaut war von fleißiger Hand. Und auch die Ballade des größten aller Propheten wurde ein Raub der gierigen Flammen; die ganze Ballade, bis auf einige wenige Seiten, die wie durch ein Wunder den endlos scheinenden Brand überdauerten. Und diese wenigen Seiten sind der Rest, der übrig ist, von Evverils Weisheit und vergessen seiner Wiederentdeckung harrt. Und mit der Ballade des Meisters aller Barden verschwand auch die Hoffnung auf eine bessere Zeit, denn die Völker hatten vergessen, nach welchen Zeichen es galt auszuschauen, und die Hochbarden hatten vergessen, wie wichtig Evverils Lied, gedichtet vor mehr als einem Jahrtausend, für das Geschick aller Völker ist. So endete die Geschichte des Evverilsliedes im Jahre eins nach dem Großen Feuer. Doch der Tag wird kommen, da ein Hochbarde sich der vergilbten Schriftzeichen in den Tiefen seiner Kommode erinnert, und dann wird die Zeit der Auferstehung angebrochen sein, und die stolzen Völker einer fast vergessenen Zeit werden sich erheben und ihren rechtmäßigen Platz auf der Welt erstreiten und diejenigen in ihre Schranken weisen, die schuldig geworden sind an den Vertriebenen. Aus der Feder Allanas da Aldaror Maven Iwans Blick Schon die dritte Woche lag Drach Alaar unter dichten Wolken begraben. Sie tauchten die Stadt in tristes Zwielicht und vereinzelt schwebten Schneeflocken hernieder. Straßen und Häuser schliefen unter einer weißen Decke, Schornsteine schickten Rauchfahnen gen Himmel, und von den schneebedeckten Dächern hingen schwere Bärte aus Eis. Auf Iwans Blick, dem Marktplatz, wärmten sich die in dicke Pelzmäntel eingehüllten Händler bei einem Glas Punsch und schlossen mit rotgefrorenen Nasen lustlos ihre Geschäfte ab. Plötzlich ging ein Zittern durch die schlaffen Wimpel auf den Turmspitzen; dann erwachten sie zu flatterndem Leben. Ein warmer Hauch zerrte an der Wolkenbank, zerriß sie, und der erste Sonnenstrahl ließ das Dach des Altvaterturms kupfern über der Stadt erstrahlen. Doch Drach Alaar blieb ruhig. Kein Jubel brach aus, keine Dankeshymne an Friar, den blaugelockten Harfner, der die Blumen weckt, kündete von der Erleichterung des Volkes. Die schweren Glocken der Tempel Ryeniees, Friars und Láellas hingen stumm in ihren Turmstuben. Im Waschhaus tunkten die sonst summenden Waschweiber schweigend die schmutzigen Laken in Seifenlauge. Auf dem Platz der Duellanten schwiegen die Waffen. Junge Krieger standen in leise Unterhaltungen vertieft beisammen; die Schwerter baumelten vergessen an ihren Seiten. Nur wenige Tempel in der Allee der Neuen Götter standen offen, aber niemand bat die vereinzelten Pilger hinein, in die heute so stillen Betstuben, aus denen sonst Predigten und Lobpreisungen hinaus auf die Straße drangen. Die größten Tempel der Straße, das Iwanshaus und der Altarraum Threonins, waren gar für die vereinzelten Gläubigen, die sich heute hierher verirrten, geschlossen. Auf dem Marktplatz bot sich dem stillen Beobachter ein ähnliches Bild: Kinder scharrten schweigend mit ihren Füßen im Schnee und versäumten es, gefrorene Bälle nach den streunenden Hunden zu werfen. Bürger standen in kleinen Grüppchen diskutierend zusammen und unterstrichen ihre Gespräche mit Schulterzucken, Kopfschütteln und schweren Seufzern. Vereinzelt durchbrach das Gackern eines Huhns oder Schweinegegrunze die lastende Stille. Nur in der Schmiedegasse hämmerte ein pflichtversessener Hufschmied auf einem losen Eisen herum. Heute, am 21. Maven im Jahre 50 seiner Regierung, hatte der Patriarch von Drach Alaar, Garant für Frieden und Ordnung, seinen Rücktritt erklärt. Tief in Gedanken schaute Madame Kel Nokie zum Haupt der Statue hinauf, die dem Marktplatz seinen Namen gab: Ein muskulöser Mann in Plattenrüstung, auf ein Schlachtbeil gelehnt, sah zeitlos in weite Ferne. Seine Stirn in grimmige Falten gelegt, wies er mit dem rechten Arm, den Zeigefinger ausgestreckt, westwärts. So soll Iwan der Strahlende hier gestanden haben, sinnend nach einem Ausweg, als das gegnerische Heer die Stadt zu überrennen drohte, damals im Käferkrieg. Mittlerweile überzog Grünspan einige Stellen der Statue, und grauweiße Kotflecken zeugten vom mangelnden Respekt der Krähen. An der Iwansstatue ließ der Patriarch für gewöhnlich seinen Willen verkünden. So auch heute. Noch vor zehn Minuten hatte hier der Herold vom Turnier in zwei Monaten und dem damit verbundenen Rücktritt des Stadtvaters berichtet. Warum am Iwansdag? fragte sich Kel Nokie und strich eine ihrer kastanienbraunen Locken aus der Stirn. Es gibt bessere Tage zum Abdanken als ausgerechnet Iwansdag? Sie drehte sich um und stapfte durch den matschigen Schnee über den Platz zur Krautsammlerstraße. Ein Korb hing an ihrem Arm, erst zur Hälfte mit Gemüsen und Kräutern gefüllt. An Einkaufen war heute nicht mehr zu denken. Ha, ein neuer Patriarch, dachte Karl und sprang von dem kleinen Mauervorsprung herab, von wo aus er den Auftritt des Herolds mitverfolgt hatte. Als er den abwesenden Gesichtsausdruck der dicken Lebkuchenfrau bemerkte, schnappte er sich einen der knusprigen Kekse und biß herzhaft hinein. Bah! Zimt! Angewidert spuckte er das krümelige Stück auf den Boden. Er bückte sich, griff eine Handvoll Schnee und spülte sich den Mund aus. Wenn das kein schlechtes Omen ist. Oder ist es eine Strafe? Kunibert hatte ihn gewarnt, geistesabwesend zu ,üben’. Der beste Weg, eine Hand oder das Leben zu verlieren, hatte Kunibert gesagt, ist, träumend zu arbeiten. Hätte er aufgepaßt, dann hätte er nicht versehentlich einen Zimtstern gegriffen; und das war noch ein verhältnismäßig guter Ausgang. Wenn die Frau nun nicht allein gewesen wäre und man Karl bei seinem ,Griff’ entdeckt hätte, was dann? Wenn ihn die Drachwache erwischt hätte oder ... Dann hätte ich sie mit meiner Klinge vertrieben - wie Iwan, dachte er und zog einen langen, gebogenen Weidenast aus einer Drahtschlaufe an seinem Gürtel. Den Stock wie ein Schwert schwingend, verließ er Iwans Blick über die Krautsammlerstraße. Federnden Schrittes versuchte er, Schlamm und Schneeflecken zu meiden. In seiner jugendlichen Phantasie verwandelte sich der Schnee in giftigen Schleim und die Schlammpfützen in bodenlosen Abgrund. Mühsam kämpfte er sich seinen Weg frei, attackierte, parierte, duckte sich und stieß vor. „Paß doch auf, Racker“ fuhr ihn eine rothaarige Frau mit einem Einkaufskorb unter dem Arm an. „‘Tschuldigung“ nuschelte Karl und setzte die Attacken gegen seinen imaginären Gegner fort. Er wachte erst aus seinem Spiel auf, als er Iwans Fall, seinen Lieblingsplatz erreichte. Hier kreuzten sich die Krautsammlerstraße und Iwans Tritt, die prächtigste Allee der Stadt. Inmitten des Platzes stand ein kunstvoll gearbeiteter Springbrunnen aus weißem falvenblicker Marmor. Iwan der Strahlende kniete schwerverletzt, seine Rüstung zerbeult, sich sterbend auf sein Schlachtbeil stützend. Ein Krieger ohne Gesicht stand vor ihm und führte einen Kelch an Iwans Lippen. Auf der das Becken umgebenden Brunnenmauer spien acht bronzene Drachen Wasser auf Iwan und seinen unbekannten Retter. Es war immer lauwarm, ein Geschenk, das Dujan der Flammenmagier dem Patriarchen zum 25jährigen Jubiläum gemacht hatte. Mit der Statue gedachte die Stadt dem Wunder des Drachenkrieges, als Iwan Lagarov durch göttliche Hand gerettet wurde, in seinem schicksalhaften Kampf gegen Isdrolldologh, die mächtigste der Drachenbestien. Von Iwans Kopf aus konnte man die ganze Stadt überblicken, Karl hatte es getestet. Mit drei langen Schritten überquerte er die Rasenfläche vor dem Brunnen und sprang auf den ersten Wasserspeier. Ein geifernd Maul mit tausend Spitzen, der Atem lodernd Lavaglut. Sein Blick läßt selbst die Erde schwitzen Isdrolldologh lechzt heiß nach Blut. Karl balancierte, das Iwanslied summend, auf der glitschigen Mauer zum nächsten Bronzedrachen. Des Helden Brust zerfetzt von Krallen, die Rüstung nur noch Splitterwerk. Entsetzt sieht man den Hünen fallen, für Iwan ist’s der jüngste Tag. Ha! Was mußte das für eine Schlacht gewesen sein. Karl zog seinen Stock und kämpfte sich vor zum nächsten wasserspeienden Ungetüm. In seiner Phantasie brannte die Stadt in Dujans Feuer. Flammenechsen verdunkelten den Himmel und Isdrolldologh der Gewaltige beugte sich über Karl, die Kiefer weit geöffnet, um ihn mit einem Biß zu verschlingen. Da naht mit mächt’gem Schritt herbei: Ein Krieger, von Ryenniee gesandt. Er hält Iwan den Rücken frei, den rettend’ Becher in der Hand. Mit einem mächtigen Schlag enthauptete Karl das Drachentier mit Rechtbringer, seinem glänzenden Schwert, und wich in letzter Sekunde dem herabstürzenden Körper der Echse aus. Er tänzelte einen Wasserspeier weiter, um sich der nächsten Gefahr zu stellen: einer Horde Ysgardsöldner auf blutigem Raubzug. Der strahlend Held, vom Gott berührt und dessen wundersamen Trank; Ryenniee ihm nun das Schlachtbeil führt und Drachenblut will er zum Dank. Schlachtbeil? Karl hielt inne. Iwan war doch ein heldenhafter Ritter. Er blickte sich um und sah zwei ins Gespräch vertiefte Edelleute an einem Maronistand stehen. An ihren Seiten hingen reich verzierte Scheiden und in diesen steckten: Schwerter. Lange Schwerter mit scharfen Klingen - kein Schlachtbeil. Ein Schwert ist die Waffe eines Ritters und Edelmannes, daran führt kein Weg vorbei, dachte Karl und blickte erneut auf das Bronzebeil der Statue. Mit Beilen kämpfen nur die Wachen. War Iwan kein Ritter? Mal Kunibert fragen, nahm er sich vor und schlenderte weiter auf Iwans Tritt in Richtung Burg. „He, Sprosse“ rief ihn eine vertraute Stimme an. Karl war mittlerweile in der Oberstadt angekommen. Hier waren die Häuser größer - und alle aus Stein -, die Läden teurer und die Menschen langweiliger - aber reicher. Ein Leben in der Oberstadt mußte öde sein; all die geschniegelten Leute mit ihrem gezierten Gehabe. Aber er stimmte Kunibert zu, der ,Glitzerort’ als das ideale Arbeitsgebiet für jemanden, der den ,Griff’ beherrschte, bezeichnete. „Du willst dir doch sicher einen Krapfen verdienen?“ Karl blickte auf und sah einen dicken, mehligen Mann mit Schweinsaugen aus dem Fenster einer Backstube winken. Durch die Straße schwebte Geruch von frischem Brot und warmen Zuckerkringeln. Natürlich wollte er einen Krapfen. Karl hatte noch nie nein zu Süßgebäck gesagt, und Scharems Krapfen waren die besten. „Dann richte Martha aus, daß alles klar geht und du die Kuchen morgen zur Mittagsstunde abholen kannst. Bring’ einen Karren mit.“ Martha! Karl erstarrte. „... und vergiß den Schinken nicht“, hatte sie ihm aufgetragen. „Rauchschinken. Hier hast du ein paar Kupferstücke extra, für Naschwerk“, hatte sie gesagt und ihn mit einem Klaps auf den Hosenboden verabschiedet. Karl griff sich in die Hosentasche und erfühlte die Münzen, harte, daumennagelgroße Kupferscheiben, geprägt mit dem fauchenden Drachen Drach Alaars. Wenigstens hatte er sie nicht verloren. Mist! Der Herold hatte Schuld. Ohne ihn hätte er nie und nimmer seinen Auftrag vergessen. Nicht nur, daß er keinen Schinken besorgt hatte, nein, auch die anderen Einkäufe hatte er nicht erledigt. Was bist du doch für ein Duseltier. Martha hat ganz recht damit, schalt er sich in Gedanken. Er sah sie schon über sich aufragen, mit ihrer erschreckenden Masse, die selbst Isdrolldologh zwergenhaft erscheinen ließ, in der linken Hand die erhobene Kelle, mit der Rechten ihn am Ohr ziehend. Ein schöner Held war er, mit seiner Angst vor der obersten Küchenfrau. Iwan hätte sich das nicht gefallen lassen. Aber Iwan war ein starker Ritter und Karl nur ein Burgjunge. „He Sprosse, fang!“ rief Scharem und warf ihm einen Krapfen zu. Bleischweren Herzens machte Karl sich auf den Weg in die Burg. Auf einmal wirkte der blaue Himmel gar nicht mehr frühlingshaft. Um den Falkenturm kreisten laut krächzend Krähen; ein schlechtes Omen, entschied Karl. Altvaterturm Als feuriger Glutball versank die Sonne hinter dem Nachtalfenwald. Ihre letzten Strahlen ließen den Altvaterturm in rötlichem Licht erglänzen, während die tieferliegende Stadt schon in abendlichem Dunkel lag. Der warme Wind wehte dem alten Mann eine Silberlocke ins Gesicht. Aufrecht stand er an den Zinnen des Turms und blickte auf seine geliebte Stadt. Von hier oben wirkte Drach Alaar wie ein Teppich aus roten und schwarzen, hölzernen und strohernen Flicken, und die zahllosen Menschen erschienen dem Patriarchen als ziellos durcheinanderströmende schwarze Punkte. Man brauchte Adleraugen, um aus der luftigen Höhe des Altvaterturms noch etwas erkennen zu können. Der Patriarch hatte Adleraugen. Obwohl sie, von Altersfalten umrahmt, tief in ihren Höhlen lagen, rühmten sie sich jugendlicher Schärfe, um die den Patriarchen mancher Armbrustschütze beneidete. Gleich hinter dem Greifentor sah er auf die Oberstadt. Mit ihren gepflasterten Straßen, den steinernen Häusern und der mächtigen Wehrmauer bot sie dem Stadtadel Schutz und Heim. Über eine steinerne Brücke war sie mit der Mittelstadt verbunden. Der Königsteich und der Marktplatz, Iwans Blick, dominierten das Bild der Mittelstadt. Hier lebten hauptsächlich Händler und Handwerker. Eine von fünf Toren - von denen das prächtigste das Dolgarothtor war - durchbrochene Stadtmauer trennte die Mittelstadt von der Unterstadt. Eine nutzlose Mauer mit zwanzig nutzlosen Türmen, dachte der Patriarch. Wir können uns gegen ein Heer von Göttern und Riesen schützen, aber wozu? Schließlich, durch einen unfertigen Palisadenzaun geschützt, die Unterstadt. Dieser quirlige Teil Drach Alaars war die Heimstadt der Armen, der Hexer, Alchimisten und Abenteurer, der Bauern und Tagelöhner; aber auch die Gilden der Barden, der Krieger, der Schausteller und der Magier hatten hier ihre Quartiere, ebenso die Drachwache und der Kronritterorden. Während die Oberstadt und die Mittelstadt einen geplanten Eindruck machten, war die Unterstadt wie ein Geschwür gewachsen. Die einzelnen Viertel quetschten sich zusammen, umwucherten einander und nahmen sich gegenseitig das Licht. Der Blick des Patriarchen glitt über das Arkanium - das Viertel der Hexen und Hexer -, über das Drachenviertel mit seinen verrufenen Kneipen und Bordellen, das Kriegerviertel und verweilte schließlich auf dem Schattenviertel, dem Teil Drach Alaars, wo letztendlich alle gescheiterten Existenzen landeten. Hinter dem Schattenviertel lag der Turnierplatz, Dujans Acker. Dahinter hob sich die Bunte Schule als schwarze Silhouette gegen den orangeroten Abendhimmel ab. Tagsüber bot die Gilde der Magier mit ihren in allen Farben des Regenbogens schillernden Gebäuden einen prächtigen Anblick. Schließlich ließ der Patriarch seinen allabendlichen Rundblick über Iwans Tritt, die Ost-West-Achse der Stadt, benannt nach dem großen General des Käferkriegs, Iwan Lagarov, wandern. Lagarov - ein seltsamer Name, dachte er. Die große Allee begann am Greifentor und führte schnurgerade durch die Oberstadt, die Mittelstadt und die Unterstadt bis hin zum Hafen. An ihr reihten sich wie Perlen auf einer Schnur die schönsten Plätze Drach Alaars. Bei Alaseias Brunnen sah der Patriarch eine Blume aus Feuer erblühen. Der Geldadel würde sich dort bald zu einem letzten Trunk einfinden, die Herren einige Geschäfte besprechen, die Edelfrauen ihre Gewänder ausführen. Auch auf Iwans Blick erwachten Feuer zu knisterndem Leben. Die Händler schlossen ihre Stände, Gaukler und Barden gaben sich ein Stelldichein, und trotz der schockierenden Neuigkeit feierte alles bei würzigem Bier und rotem Wein den Abschluß des Markttages. Iwans Fall lag im Dunkeln. Die Bronzedrachen warteten stumm auf den Anbruch des nächsten Tages. Nur eine einsame Nachtwache sah ab und zu nach dem Rechten. Den prächigsten Anblick bot der Platz des Weißen Magiers. Sechs ewig brennende Lichter erinnerten an Threonin den Weißen. Sie beleuchteten eine übermannsgroße, glattpolierte Alabasterstatue Threonins, der durch weise Voraussicht großes Unheil von der Stadt abgewendet hatte. Threonin stand hoch aufgerichtet, in den Armen gütig ein Kind wiegend. Im tanzenden Schein der Fackeln erwachte der Stein zu glitzerndem Leben. Selbst nachts wagten sich einige Pilger durch die Unterstadt, huldigten ihrem Heiligen, legten Blumenkränze vor Threonins Füße oder suchten Ruhe in der Meditation. Was hat sich nicht alles getan. Der Patriarch rieb mit einem Zipfel seines Gewandes den Opal am Mittelfinger seiner rechten Hand blank. Viel war zerstört worden, damals im Großen Feuer. Schwelende Mauerreste waren das Einzige, was von der Mittelstadt noch stand. Das Pflaster von Iwans Tritt war durch die Hitze gesprungen, an einigen Stellen sogar zu Glas geschmolzen, und von den Holzbauten der Unterstadt zeugten nur noch verkohlte Balken. Dujans Flammenhölle, die im Drachenkrieg einen Großteil der Stadt verschlungen hatte, war gegen das Große Feuer nur der Funken eines Zunderholzes gewesen. Nachdem das Feuer verschwelt war, machten sich die Überlebenden daran, die nicht vollständig verbrannten Leichen zu begraben. Aber es waren derer Tausende. So blieben unzählige Körper der glühenden Sonne ausgesetzt. Süßlicher Verwesungsgestank lag wie ein Leichentuch auf der Stadt. Das Atmen dieser schneidend dicken, mit Tod gewürzten Luft trieb auch die Hartgesottensten in den Wahnsinn. Mit dem Tod kamen die Ratten. Erst streckten sie nur vereinzelt ihre rosafarbenen Nasen aus der Kanalisation. Den Pionieren folgten Familien, den Familien ganze Stämme. In kurzer Zeit bedeckte die zerfallenen Straßen Drach Alaars ein wimmelnder, rosabeschwänzter, mit Seuchen beladener Teppich. Und mit den Ratten kam die Nesselpest. Weit schwang er seine Sense und wütete erbarmungslos unter den Unglücklichen, die das Feuer überlebt hatten. Wer noch am Leben war, packte seine Habe und verließ diesen Ort des Grauens. Aber wohin sollten sie ziehen? Überall dasselbe Bild: Tod, Vernichtung, Wahnsinn und Krankheit. Die Welt starb. Heute, fünfzig Jahre nach diesen langen Wochen des Sterbens, erblühte eine lebendige Stadt am Fuße der Feste. Der Patriarch lächelte und freute sich der Gesundheit Drach Alaars. Die Sonne war hinter dem Nachtalfenwald versunken, und der Himmel kleidete sich in schwarzblauen Samt. „Hier steckst du“, hörte er eine weibliche Stimme. „Du wirst dir den Tod holen, noch bevor du den Thron verläßt.“ „Keine Sorge, Rocca. Ich hülle mich in Friars warme Winde. Keine Krankheit der Welt wird es wagen, einen göttlichen Mantel zu durchdringen.“ Verschmitzt zwinkerte er seiner Tochter zu. Rocca, in einen Mantel aus Kaninchenfellen gehüllt, legte ihrem Vater eine wärmende Decke um. „Erstens ist es noch nicht annähernd Frühling, und zweitens wissen wir beide sehr genau, daß es nicht Friar ist, der uns die Winde schickt.“ Bei diesen Worten blickten Vater und Tochter nach rechts, wo vor dem flackernden Licht der Feuer des Marktplatzes ein schwarzer, über hundert Fuß hoher Monolith aufragte, direkt neben der Burg, aber noch außerhalb der Stadtmauern gelegen: der Wetterturm. „Ja, nicht Friar ist es ...“ Der Patriarch runzelte die Stirn. Rocca legte ihrem Vater eine Hand auf die Schulter. „Vergiß den Turm. Sieh!“ Sie deutete nach oben. Am schwarzen Nachthimmel glitzerten die ersten Sterne. Die Luft war klar wie Glas. Friars Hauch hatte sich gelegt und die Wimpel und Fahnen des Altvaterturms hingen, von der Nacht ihrer Farben beraubt, schlaff herab. „Man sagt, es seien Bruchstücke der Welt, die dort oben leuchten, damit wir nicht vergessen, wie es einst war“, flüsterte Rocca. „Sagt man so?“ Der Patriarch ergriff die Hand seiner Tochter und drückte sie sanft. So standen sie eine Weile, eingemummt in Mantel und Decke, und genossen den Blick auf Stadt und Sterne. Schließlich drehte sich Rocca zu ihrem Vater und sah ihm tief in die eisblauen Augen. „Warum jetzt?“ „Es ist Zeit“ antwortete er ruhig. „Sieh dich um, Tochter.“ Er machte eine weit ausholende Bewegung über die Stadt. „Was siehst du?“ Rocca sah ihn fragend an. „Drach Alaar“ sagte sie. „Bei Nacht“ fügte sie achselzuckend hinzu, als sie bemerkte, daß ihr Vater noch etwas zu erwarten schien. Die faltigen Mundwinkel des Patriarchen kräuselten sich zu einem Schmunzeln. „Du siehst eine Stadt mit zufriedenen Bürgern. Sie schlafen ruhig. Kein Feind bedroht sie, kein Krieg. Da nun auch Flawnbørt von Ysgard dem Frieden von Forreswark beigetreten ist, ist es sicher im Land. Es kann keinen besseren Zeitpunkt geben, das Szepter an einen Jüngeren weiterzureichen ...“ Der Winter riß das Kommando über die Winde wieder an sich und trieb eine Wolkenbank heran. Rocca fröstelte. Vater und Tochter machten sich auf den Weg die Wendeltreppe hinunter in die warmen Hallen der Burg. Rocca ging mit der Fackel voran. „... und heimzukehren“ flüsterte der Patriarch zu sich selbst. Arkanium „Kiols Knochen“ fluchte Rowan und hielt sich die verbrannten Finger. „Verdammt! Verdammt! Verdammt!“ Lilafarbene Tinte ergoß sich über die Pergamente und tropfte auf die Holzdielen. „Wie lange lerne ich die Scheiße schon? Tausend Jahre?“ „So wie du dich anstellst erst seit gestern“ ertönte eine Frauenstimme von draußen. Zahra trat ins Zimmer, und ein Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie den massigen Rowan inmitten der Tintenpfütze sitzen sah: Ein Berg von Mann mit gewaltigen Pranken, gewohnt, Holz zu hacken oder das Schwert in der Schlacht zu schwingen, saß auf einem hölzernen Dreibein an Zahras wackeligem Tisch und kühlte seine Finger in einer Schale mit Wasser. Die schwere Rüstung lag nutzlos in einer Ecke, das mächtige Schlachtbeil hing mit der Klinge an einem Haken, verstaubt auf einen Einsatz wartend. „Hier, mach die Sauerei weg.“ Sie warf ihm einen Lappen zu. „Wenn du Feuerfinger zauberst, darfst du nicht an brennende Finger denken.“ Mißmutig machte sich Rowan daran, die Tinte aufzuwischen. „Teures Zeug, Nachtbeerentinte. Ganz zu schwiegen von den Pergamenten.“ Sie schüttelte resigniert den Kopf. „Rowan, Rowan. Du bist hier nicht auf dem Schlachtfeld. Mehr Fingerspitzengefühl. Sieh’, Lilith! Deine Mitschülerin schafft’s doch auch.“ Zahra wandte sich zum Regal. Hunderte Töpfe, Tiegel und Pfannen stapelten sich scheinbar ohne jede Ordnung auf den Brettern. Einige Tongefäße waren beschriftet: Mohn, Nachtschatten, Sonnenwedel, Schierling, Alraun, Magsaat, Dollkraut, Saubohnen und Binsenkraut waren nur einige der Zutaten in der wohlsortierten Hexenküche. Ganz oben, auf dem letzten Bord, hüpften und schaukelten in Käfigen eingesperrte Koboldwesen, mit grimmiger Freude auf den Tag ihrer Befreiung und ihrer Rache an der Hexe harrend. Auf einem irdenen Stövchen köchelte eine bauchige, Kamillengeruch verströmende Teekanne. „Oh nein!“ Verzweifelt hob Zahra einen tönernen Einsatz aus der Kanne, der zur Hälfte mit Kräutern gefüllt war. „Zwei Minuten, du Schlafmütze! Nach zwei Minuten solltest du ihn herausnehmen.“ Das war vor einer Viertelstunde! Wie will er jemals einen Trank brauen, dachte sie, wenn er nicht einmal Kamillentee fertig bringt? Es könnte alles so einfach sein, wenn jeder das täte, wozu er geschaffen ist. Sie schaute Rowan zu, der mit dem Lappen versuchte, den Tintenstrom auf dem Schreibtisch in geordnete Bahnen zu lenken. Mit seinem kräftigen Nacken, einem Kreuz, das jede Tür ausfüllte und Armen, die aussahen als hätten sie Beine werden sollen, war er ein Krieger, kein Hexer. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, reichte sie ihm gerade bis ans Kinn - und sie war keine kleine Frau! Warum in Kiols Namen meldete er sich nicht bei der Drachwache oder arbeitete als Rausschmeißer im Drachenstübchen? „Weißt du, was ein Dämon mit dir anstellt, wenn du die Beschwörung so angehst, wie du Tee kochst?“ Rowan warf brummend den triefenden Lappen in einen Eimer und drehte sich zu seiner Lehrmeisterin um. Die junge Hexe hatte das feuerrote Haar achtlos im Nacken zusammengebunden. Im flackernden Schein der Kerzen sah es aus, als stehe ihr Kopf in Flammen. Ihr einziger Schmuck war ein mit einem Blutstein besetzter Ring an der rechten Hand. Zahra trug ein enges, an der Taille gegürtetes Gewand, das trotz ihrer Arbeit mit Rowan strahlend weiß schimmerte. Auf der Brust war eine elfenbeinfarbene Schuppe eingearbeitet. Das Faszinierendste an Zahra waren ihre Augen. Sie leuchteten grün (oder war es azur? fragte sich Rowan) und stachen aus ihrem ansonsten bleichen Gesicht hervor wie glühende Smaragde (oder Opale?). Ein Blick dieser Augen ließ Männerherzen schmelzen, wieder gefrieren und erneut heiß zerfließen. In ihrem schlichten Gewand und den Ledersandalen (es war gut geheizt) machte sie eher den Eindruck einer Küchenmagd als den einer Hexe. „Ich hab’ genug von dem Mist. Zunderhölzer tun’s auch.“ Er zog sein Lederwams über das grüne Hemd und gürtete sich mit einem Langschwert. In der Unterstadt konnte man nie wissen - und in der Heldengasse schon gar nicht. Polternd setzte er sich in Bewegung. Es bereitete ihm Mühe, in dem mit allerlei Käfigen, Regalen und Kesseln vollgestellten Raum nirgends anzustoßen. Zahra sah ihm amüsiert nach und begann, Rowans Arbeitsspuren im Zimmer zu beseitigen. Plötzlich hörte sie einen Rumms, gefolgt von einem Fluch, der selbst einem Randflußschiffer die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Der Türbalken, dachte sie kopfschüttelnd. Wann lernt er es endlich? Bei Varchs eisigem Bart, ich hätte den Mantel mitnehmen sollen. Rowan stapfte durch das verschneite Arkanium, das Hexerviertel. Hier schien es noch einen Hauch kälter zu sein als in der restlichen Stadt. Die windschiefen Häuser ächzten unter der Schneelast. Gleich einem Heer von Stalagtiten verzierten dolchspitze Eiszapfen die Dachkanten und Fenstersimse. Aus krummgebogenen, bauchigen Schornsteinen stiegen dicke Rauchwolken auf und wurden schon nach wenigen Metern Spielzeuge des naßkalten Mavenwindes. Mittlerweile hatte er den Hexenkessel hinter sich gelassen und war am Ende des Arkaniums angekommen. Plötzlich sprach ihn eine weibliche, rauhe Stimme von der Seite an: „Entschuldigung, Herr.“ Rowan gewahrte eine in lila Samt gewandete, hochgewachsene Frau mit türkisfarbenen Augen. Ihr Gewand erinnerte Rowan an Fledermausflügel? „Wenn Ihr mir bitte den Weg weisen könntet? Hexenkessel Nr. 13?“ Rowan deutete über seine Schulter: „Immer geradeaus“ brummte er. Er schüttelte den Kopf. Einer abergläubischen Eingebung folgend hatte jeder Bewohner des zentralen Platzes im Arkanium seinem Haus die Nummer 13 gegeben - außer Zahra. Sie tat ihrer Sonderstellung unter den Hexen und Hexern Drach Alaars mit der Hausnummer 13a kund. „Habt heißen Dank.“ Die Frau verbeugte sich und schritt davon. Seltsam. Als ob sie keine Pupillen gehabt hätte. Rowan nahm sich nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Zu Beginn seiner gemächlich verlaufenden Hexerkarriere hatte Zahra ihn eindringlich ermahnt, seine Neugier zu zügeln. Sein Weg führte ihn aus dem Arkanium über die Allee der neuen Götter direkt in die Heldengasse. Der Wind pfiff eisig. Rowan zitterte. Sein leichtes Wams bot nur geringen Schutz vor Varchs Atem. Noch hatte der Winter nicht aufgegeben, und das ließ er die Einwohner Drach Alaars bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren. Erstarrten Eisflocken gleich hingen die Sterne am klargefrorenen Himmel. Morgen wird sogar der Frühnebel eine milchig gefrorene Wand sein. Rowan war das nur recht. Von Feuer hatte er genug. Kälte, dachte er, macht wenigstens keine Brandblasen. Vor ihm schlängelte sich die Heldengasse durch das Drachenviertel, ein schmutzigweißes Band, begrenzt von, hohen, schiefen Holzhäusern mit Türmchen, Erkern, Balkonen und spitzen Giebeln. Dicht an dicht drängten sie sich, und manchmal schrumpfte die Heldengasse auf einen so schmalen Spalt zwischen den Häusern zusammen, daß zwei Männer von Rowans Statur nur seitlich aneinander vorbeikamen. „Zum schluckenden Golem“, „Dämonenschreck“, „Zum goldenen Sargdeckel“, „Berthas Hurenhaus“ und „Die willige Elfe“ verhießen Trunk und billiges Vergnügen. Selbst bei dieser Kälte lagen Betrunkene schlafend auf der Straße. Rauher Gesang drang aus dem Schluckenden Golem. Gerade öffnete sich die Tür und zwei umschlungene Gestalten torkelten über die Gasse, Rowan entgegen - eine schwang einen Krug, die andere ein Schwert. Sie gröhlten die Ode eines Ritters, die Hymne der Kronritter. Rowan trat kopfschüttelnd zur Seite. In Uniform - und betrunken. Die haben ein Problem mit ihrer Disziplin. Plötzlich ertönte ein Pfiff. Rowan blickte auf und sah eine dralle Blondine aus der willigen Elfe winken: „Komm Rowan! Du bist doch ein Mann oder?“ „Bei dieser Saukälte holst du dir den Tod, Herzchen, wenn du liebesmüden Kriegern halbnackt hinterherwinkst.“ „Du wirst schon sehen, Süßer. Irgendwann liegst du unter mir.“ Sie warf Rowan eine Kußhand zu und schloß kichernd das Fenster. Rowan grinste. Früher hätte es kein Zaudern gegeben; da war ihm kein Puff zu billig. Schließlich mündete die Gasse auf den Platz der gefallenen Recken. Hier lud die Taverne, die dem Viertel seinen Namen gab, zu fröhlichem Trunk ein: das Drachenstübchen; Hoch aufgerichtet saß er auf seinen Hinterbeinen, der alte Drache. Er überragte die meisten Dächer Drach Alaars, und aus seinen Nüstern stieg dunkler Qualm zum Firmament. Zwischen den Vorderbeinen, im Bauch der Echse, befand sich eine schwere Bohlentür, der Eingang zum verruchtesten aller verruchten Etablissements Drach Alaars. Fast könnte man meinen, er brauche nur die mächtigen Schwingen auszubreiten und loszufliegen. Hier trafen sich schlagkräftige Krieger, flinkfingrige Spitzbuben und Beutelschneider, stimmgewaltige Barden, zauberkräftige Hexer und Magier und überhaupt jeder zwielichtige Glücksritter, der sein oftmals schwer verdientes Geld unter gleichgesinntem Volk verjubeln wollte. Rowan öffnete mit klammen Fingern die Tür. Eine Qualmwolke quoll heraus und raubte ihm den Atem. Alle Tische waren gut besetzt. Hinten in der Ecke saßen Ysgarder, wahrscheinlich Händler, die ihre Freizeit mit Raubrittertum ausfüllten oder Raubritter, die in ihrer Freizeit handelten. Gehörnte Helme auf dem Kopf und warme Felle trotz der schneidend dicken Luft des Drachenstübchens um die Schultern gelegt, testeten sie mit Messern ihre Geschicklichkeit. Es war das alte Spiel, die Zwischenräume der Finger des Gegenübers zu treffen und nach geglückter Runde einen Humpen Bier hinunterzustürzen. Sie feuerten sich gegenseitig mit rauhen Rufen und Stößen an. Am Tisch daneben drückten zwei barbarische Bewohner der Grasöde ihre mit Lederbändern und Ketten geschmückten Arme gegeneinander. Alles da. Grasleute, Eisvolk, Söldner aus Blutstadt, da ein Magier oder Hexer, und sogar die Kronritter geben sich die Ehre. Am Tisch links neben der Tür saß eine Schar betrunkener Zwerge und schunkelte im Takt zu den ruhigen Rhythmen der Band. Am Nachbartisch versuchte ein ganz in Purpur gekleideter Magier, einer ortsansässigen Hure mit kleinen Lichtspielen zwischen Daumen und Zeigefinger zu imponieren, sehr zur Freude eines lederbekleideten Söldners, der lauthals über die amourösen Versuche des Zauberers lachte und dabei einen Humpen nach dem anderen hinunterstürzte. Zwischen den Tischen wuselten Wichte herum, die auf dem Kopf mit kleinen Schellen bestickte Kappen trugen. Sie balancierten mit schäumenden Krügen beladene Tablette und witschten mit elfisch anmutender Leichtigkeit durch das Gewühl. Hinter dem aus Drachenknochen geschnitzten Tresen stand - heute wie jeden Abend - Madame Kel Nokie und zapfte schäumendes Bier großzügig in beinerne Humpen, während die Mordor Ork Heart Blues and Rhythm Band auf der kleinen Bühne das Geschrei mit sanften, melancholischen Tönen untermalte. Hier, im Brustkorb der Echse, war Kel Nokie die unumstrittene Herrscherin; Drach Alaars Gesetze verloren an der Türschwelle ihre Gültigkeit. Rowan bahnte sich einen Weg zum Tresen. „Der reinste Hexenkessel heute“, grinste er Kel Nokie an. Um ihr grünes, gewagt ausgeschnittenes Kleid, das in kräftigem Kontrast zu ihren kastanienbraunen Locken stand, hatte sie eine Lederschürze gebunden. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. „Gewöhn’ dich dran. Nach der Vorstellung heute auf dem Markt kommen lustige Zeiten auf uns zu“ antwortete sie und küßte Rowan flüchtig auf die Wange. „Ja, ja, keine Hektik“ brüllte sie nach hinten und stellte einige Humpen auf das Tablett vor ihr. „Und ab, Flinkbold.“ Ein Wicht schnappte sich das Tablett und bahnte sich einen Weg zum Tisch der Ysgarder. „Was wollen die hier?“ Rowan deutete auf die Eisleute. „Markttag. Felle verkaufen.“ Sie nahm drei leere Humpen entgegen und tunkte sie kurz in ein Wasserbecken. „Setz’ dich rüber und nimm ein Bier. Ich komme sofort.“ Sie deutete auf einen Tisch in der Ecke, an dem nur eine Person saß: „Du hast Besuch.“ Ein Messingschild mahnte: „Reserviert.“ Über dem Tisch hing ein Porträt Zahras; die Farben waren schon längst in der rauchigen Luft verblaßt. „La Zahra, die Fee von Corrildor“ stand in schnörkeliger Handschrift unter dem Porträt in den Rahmen geprägt. Das ist doch ..., dachte Rowan, als er sich seinem Platz näherte. Der Krieger - denn ein Krieger war er, nach Schwert und Rüstung zu urteilen - saß gebückt, aufgestützt auf seine Arme, mit dem Rücken zur Schankstube und nahm den Trubel hinter sich nicht wahr. Vor ihm stand ein Humpen Gerstenfreund. Von hinten erkannte Rowan nur einen braunen, über breite Schultern gelegten Umhang, schmutzverkrustete Lederstiefel und die Spitze einer Schwertscheide. An der Wand neben dem Krieger lehnte ein mannsgroßer Schild, von dessen Ecke ein zerbeulter Helm hing. Früher war auf dem Schild ein Hügel und ein sich ringelnder Lindwurm zu sehen gewesen, das wußte Rowan. Jetzt sah man nur noch Kratzer und vereinzelte Farbsplitter ohne Zusammenhang. „Ist hier noch frei?“ fragte er. Der Krieger hob müde den Kopf und blickte Rowan mit schwarz umringten Augen an. Er mochte vielleicht Mitte dreißig sein, vielleicht auch Anfang vierzig. Aber in seinen Augen lag eine Erschöpfung, als wäre er weit über hundert Jahre alt. Auf die verkniffenen Mundwinkel stahl sich ein zaghaftes Lächeln, das von einem breiten Grinsen verdrängt wurde. „Rowan.“ Der Krieger erhob sich und breitete seine Arme aus. Lange Augenblicke hielten sich die beiden Freunde heftig umarmt. Rowan setzte sich. „Dein Haar ist gewachsen. Ich hätte dich fast nicht erkannt.“ Der Krieger fuhr sich mit der Hand durch die braunen Locken, wickelte eine Haarsträhne um seinen Zeigefinger und führte diese vor seine Augen, als würde er erst jetzt bemerken, daß seine Haare schon weit über die Schultern hingen. „Wie lange bist du schon hier?“ „Bin vor einer Stunde angekommen. Bin gleich hierher. Dachte mir, daß du irgendwann hier auftauchst.“ Ein Wicht trat an den Tisch und stellte zwei Humpen frischen Bieres und zwei kleine Gläser mit einer klaren, brennenden Flüssigkeit auf den Tisch. Dann verschwand er in der lärmenden Menge. „Immer noch der alte Rachenputzer?“ fragte der Krieger. „Triotropfen“ nickte Rowan. „Manche Dinge bleiben, wie sie sind. Auf dich, Rodar, und deine Rückkehr.“ Die beiden bliesen aus, stießen an und kippten das scharfe Getränk mit einem Rutsch hinunter. Es hinterließ eine Feuerspur im Hals und brannte im Magen heiß wie Lava. „Erzähl!“ „Ich habe ihn nicht gefunden. Fünf Jahre lang gesucht und keine Spur vom Echsenberg. Es ist, als hätte es ihn nie gegeben.“ „Sieh her!“ Mit diesem Worten breitete Rodar ein vergilbtes Pergament aus. „Das ist eine Karte von Thasgaloth vor dem Großen Feuer. Hier, im Süden, das Chryseirgebirge. Im Westen der Fluß Skarmanack und im Norden das Arramank-Massiv. Die Westgrenze bildet das Eismeer. Hier, in der Mitte, das Land in West-Ost-Richtung teilend, der Nachtalfenwald. Ich dachte mir, die Städte mögen verschwunden und neue entstanden sein, aber die natürlichen Landmarken müßte es noch geben.“ Rodar legte eine Karte neueren Datums neben die erste. „Hier: Drach Alaar und seine angebundenen Städte. Ich denke, Drach Alaar liegt an der Stelle, wo früher Corrildor zu finden war. Ich wollte der Trollstraße folgen. Allerdings ist sie hinter Falvenblick in jämmerlichem Zustand; an vielen Stellen überwuchert. Der Regen hat große Löcher hineingeschwemmt, und nahe des Chryseirmassivs haben Steinschläge weite Passagen verwüstet.“ Rowan studierte die beiden Karten. „Der Nachtalfenwald ist mächtiger als damals“ sagte er. „Ja. Und feindlich wie eh und je. Mein Rückweg führte mich hindurch.“ „Also,“ fuhr Rodar fort, „ich suchte den Mithragil. Wenn man die Gipfel des Mithragil, des Falbenkogel und des Cheledrians in einer Reihe sieht - alle gleich hoch - dann ist man fast am Echsenberg.“ „Ja, ich erinnere mich. Und?“ „Was soll ich sagen? An besagter Stelle ist nichts.“ „Nichts?“ „Nichts! So weit das Auge reicht. Gähnende weiße Leere. Es ist, als hätte jemand mein Herzogtum herausgebissen.“ Rowan blickte ihn fragend an. Rodar befeuchtete seine Kehle und fuhr fort. „Ich war geschockt. Dann dachte ich mir, wenn es ein Loch im Land ist, dann muß es eine Grenze haben. Ich lief immer am Rand entlang, die gähnende, schreckliche Leere rechts von mir. Da es keinen Weg gab, mußte ich oft tiefe Schluchten hinab- oder steile Felswände hinaufklettern. Das Loch nahm kein Ende. Monatelang sah ich keine Menschenseele.“ Rodar trank aus. Einem vorbeieilenden Wicht schlug er mit der flachen Hand auf die Schellenkappe. „Kommt sofort“ quiekte der Wicht. „Eines Tages - ich mochte vielleicht ein Jahr unterwegs gewesen sein - traf ich auf menschliche Spuren. Zuerst fand ich eine Pfeilspitze, dann eine Feuerstelle und schließlich stand ich den Bewohnern dieses Landstriches gegenüber. Ysgarder! Rowan, es hatte mich bis nach Ysgard verschlagen! Immer am Rand des Lochs - bis nach Ysgard!“ Rodar schüttelte den Kopf, als könne er es immer noch nicht begreifen. Seine Stimme wurde leiser, um die Aufmerksamkeit der Eisleute nicht auf sich zu ziehen. Er beugte sich zu Rowan und flüsterte: „Sie huldigen blutigen Göttern. Dort sind die Nächte lang und die Tage düster. Ihre Toten lassen sie in Booten über Schneerampen in den Abgrund gleiten - und sie leben mit dem Vieh im Haus! Ihre Städte sind nicht mehr als eine Ansammlung ärmlicher, mit Stroh bedeckter Langhütten.“ Der Wicht brachte das Bier. Rodar nahm sofort einen großen Schluck. „Mit meinem letzten Schmuck kaufte ich mir den Weg frei. Weiter ging es, immer am Loch entlang - bis zum Nachtalfenwald. Rowan, weißt du, was ich glaube?“ Er hielt kurz inne, dann flüsterte er mit verschwörerisch tiefer Stimme: „Das ist kein Loch im Land, sondern ...“ Rowan runzelte die Stirn. Plötzlich packte ihn Rodar hart am Oberarm. Seine Augen glühten. „... wir leben auf einem Land im Loch!“ 74 1 27.05.98 Vor dem Sturm 12