Kaliningrad Badeparadies vor dem Massenansturm |
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(Kaliningrad/Königsberg) Mit Wassertemperaturen um 23 Grad empfiehlt sich die russische Bernsteinküste nachdrücklich als Badewanne. An den Stränden von Jantarny bis Selenogradsk herrscht denn auch dichtes Gedränge.
Wer für ein paar Minuten halbwegs allein sein will am Strand von Selenogradsk (Cranz), muss früh aufstehen in diesen Tagen. Gegen sieben Uhr ist es noch still. Nur die Brandung, für die der Ostseekurort seit jeher berühmt ist, bricht sich rauschend über den Sandbänken.
Die Kinder im Ferienlager der Russischen Eisenbahn treten gerade zum kollektiven Frühsport an, dann und wann trabt ein Jogger schwitzend die leere Betonpromenade entlang, und ein paar Einheimische nutzen die Chance, schnell noch einmal baden zu gehen, vor der täglichen Völkerwanderung.
Die beginnt gegen neun. Und wird kein Ende nehmen bis zum Abend. Als erstes rücken die Feriengäste aus den Pensionen und dem Sanatorium „Tschaika“ an. Während sie sich für ihre Badetücher und quietschbunten Halbzelte noch die besten Plätze im Open-Air-Solarium aussuchen können, trifft aus Richtung Bahnhof im Halbstundentakt Nachschub ein.
Jeder Vorortzug aus Kaliningrad: vollgestopft wie eine Sprottendose. Vom Bahnhof bis zur Promenade am Meer sind es gerade mal 200 Meter. Dort wirds am Strand, mangels Küstenschutz ohnehin beängstigend schmal geworden in den letzten Jahren, am schnellsten knapp für ein ausgerolltes Handtuch.
Auf den Chausseen aus der Gebietshauptstadt in Richtung Ostsee formieren sich währenddessen die Autos zu einem 30 Kilometer langen Blechkorso. Mittendrin die Sonderbusse, die Badegäste und Hunderte Kinder aus entlegenen Orten des Kaliningrader Gebietes, aus Sowjetsk (Tilsit), Tschernjachowsk (Insterburg) oder Gusew (Gumbinnen), einen Tag lang an den Strand bringen. Morgens hin, abends zurück. Ein blühendes Geschäft.
Wohl dem, der jetzt Urlaub hat. Wo ließe sich die Dauerhitze des russischen Sommerhochs derzeit auch besser ertragen als in der mildsalzigen Ostseebrise? Ob in der Bernsteinsiedlung Jantarny (Palmnicken) oder dem Nobelbad Swetlogorsk (Rauschen) - es ist überall dasselbe: Strand unter. Es wimmelt von Menschen. Braungebrannte Schönheiten räkeln sich neben Babuschki (Omas), die unter weißen Sommerhüten in die Sonne blinzeln und Enkelkinder hüten, während sich die Eltern in die Fluten stürzen.
Überfüllte Strände: Schwerstarbeit für Rettungsschwimmer. „Am gefährlichsten sind Alkohol und Selbstüberschätzung“, sagt Inna, die als Baywatcher auf dem Rettungsturm von Selenogradsk Wache schiebt. „Meisten kommt beides zusammen.“
Schon ein Dutzend Mal haben ihre Kollegen in diesem Sommer entkräftete Badegäste aus dem Wasser gezogen, einer trieb mit einer Luftmatratze fast zwei Kilometer hinaus aufs Meer. Für zwei junge Männer kam jede Hilfe zu spät. In jeder Saison ertrinken an der Kaliningrader Küste bis zu 20 Menschen.
Wer den Strandtrubel zwischen Sonnencreme und Hot-Dog-Buden nicht mag, muss derzeit schon ein Stückweit fahren. Strand der einsameren Sorte findet sich am ehesten auf der Kurischen Nehrung. Sand wie Goldstaub und kilometerweit kein Mensch zu sehen?
Die happigen Öko-Gebühren des Nationalparks für die Autofahrt auf die berühmte Landzunge halten die Strandpilgermassen dort in Grenzen. An den „dikij pljash“, den „wilden Strand“ auf der Nehrung hat sich dafür die Nacktbader-Gemeinde zurückgezogen. Denn FKK, selbst oben ohne ist an Russlands Bernsteinstrand nach wie vor verpönt. Mögen die Bikinis der Mädchen auch immer minimalistischer ausfallen - Textil ist Textil, und sei es nur symbolisch...
Die abseitigen Strände bieten Ruhe, Natur - und mancherorts jede Menge Müll. Überall, wo sich niemand zuständig fühlt, häufen sich Plastikflaschen, Tetrapaks, Tüten. Kulikowo, ein für seinen feinen Sandstrand berühmtes Küstendorf, gleicht nach fünf Wochen Sommerferien einer wilden Deponie.
In den Seebädern Selenogradsk und Pionerski lassen die Stadtverwaltungen den Unrat inzwischen energisch absammeln, an allen Eingängen zum Strand stehen Müllkübel, die täglich geleert werden. Im Kaliningrader Vorzeige-Kurort Swetlogorsk, dem Sotschi des Nordens, geht man neue Wege:
Ein 200 Meter breites Stück Strand ist neuerdings von einem eisernen Zaun abgeriegelt. Hinein kommt nur, wer vorher bezahlt. Für 150 Rubel pro Tag gibts dafür bequeme Liegestühle, einen saubergeharkten Sandstrand, und wer will, kann sich einen schneeweißen Frotteebademantel mieten und in einer kleinen Strandbar eiskalte Mix-Drinks ordern. Leisten mögen sich diesen Luxus vor allem jene Neureichen, die ihre Limousinen direkt auf der Strandepromenade parken - direkt am neuen 5-Sterne-Hotel „Grand Palace“, vor dem der Bezahlstrand praktischerweise liegt und betrieben wird, inklusive eigenem Rettungsschwimmer.
Die Wellen der Empörung schlugen hoch darüber, dass die neurussische Zweiklassengesellschaft nun auch am Strand ihre Wohlstands-Reservate errichtet. „Typisch Russland, unsere Reichen ertragen ihre eigenen Landsleute nicht“, schimpft einer der Bernsteinhähndler auf der Promenade. Ein anderer spottet: „Na und? Nun liegen sie da wie die Affen im Zoo“.
Nikolai Wlassenko, zuständiger Tourismusminister in der Regionalregierung von Gouverneur Georgi Boos, drohte aus der Gebietshauptstadt: „Laut Gesetz hat jeder Badegast das Recht auf freien Zugang zum Strand.“ Waleri Popow, Stadtwirtschafts-Chef in der Administration von Swetlogorsk, nimmt die Debatte gelassen hin. „Der Zugang zur Ostsee ist nicht geschlossen. Strandabschnitte, an denen für die Benutzung zu bezahlen ist, gibt in anderen Regionen seit langem, etwa am Schwarzen Meer. Von den Einnahmen werden sie gepflegt und saubergehalten. Was ist daran schlecht?“
Ginge es nach Popow, würde das System schon im nächsten Sommer an den gesamten kommunalen Strand des Kurortes, etwa 2,5 Kilometer, ausgedehnt. „Wir sind eine Stadt mit 15.000 Einwohnern. Es ist unmöglich, aus unserem Haushalt allein den Strand zu unterhalten und zu modernisieren.“ Auch in der aufstrebenden Seebad-Schwester Selenogradsk hat man das Prinzip Bezahlstrand schon diskutiert. Einstweilen wurde die Idee wieder verworfen.
Für das Kaliningrader Touristikgewerbe verspricht der Sommer 2006 ein gutes Geschäft zu werden. „Wir sind ausgebucht bis unters Dach“, sagt Lubow Kutschetkowa, Chefin der Reisefirma „Universal-Tour“, die in Swetlogorsk ein modernes Mittelklassehotel betreibt. In fast allen der etwa 60 Hotels, Sanatorien und Gästehauser an der 141 Kilometer langen Küste des Kaliningrader Gebietes kann man derzeit das gleiche hören. Nur teure Häuser, wie die Swetlogorsker Edelherberge „Grand Palace“ oder das neue „Sambia“-Hotel in Cranz, bieten noch freie Zimmer.
Die Urlauber kommen zum größten Teil aus dem eigenen Land. Badegäste aus Westeuropa sind an den feinen Stränden im Land der Nehrungen nach wie vor die große Ausnahme: Teure und umständliche Visaregelungen und nervenaufreibende Zustände an den Kaliningrader Grenzübergängen wirken alles andere als einladend auf den internationalen Tourismus. Die Branche beklagt zudem eine schlechte Infrastruktur und gewaltige ökologische Altlasten.
„Welcher Tourist aus Europa wird seinen Badeurlaub bei Ihnen verbringen, wenn er weiß, dass Kaliningrad nach wie vor 90 Prozent seines Abwassers in die Ostsee entsorgt?“, fragte dieser Tage der schwedische Generalkonsul Erik Hammarscheld in einem Interview der Kaliningradskaja Prawda.
Umso beliebter wird die Ostsee-Provinz als Urlaubsziel russischer Touristen. Zehn Fluglinien verbinden die Exklave mit Moskau, fünf mit St. Petersburg. Doch schnelle Kaliningrad-Tickets sind in den Metropolen derzeit nur mit Mühe zu bekommen: Alle Urlaubsflieger sind voll. Die Statistik, die Minister Wlassenko dieser Tage vorstellte, bestätigt diesen Trend: Etwa 320 000 Touristen besuchten im vorigen Jahr Kaliningrad und seinen „Bernsteinrand“. Davon kamen 270 000 aus Russland. Für sie ist es eine Reise in den Westen.
Dieser Artikel wurde hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Onlinezeitung Kaliningrad Aktuell. (c) rUFO 2006 - keine weitere Veröffentlichung, Vervielfältigung oder Verbreitung ohe dortige Genehmigung. Diesen und noch viele anderen interessanten Artikel aus Kaliningrad gibt es unter www.kaliningrad-aktuell.ru
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