(Sachalin) Zu den vielen in Mitteleuropa fast unbekannten Gebieten Russland gehörte bis vor kurzem die Insel Sachalin. Nördlich der japanischen Insel Hokkaido gelegen ist das Eiland - mit über 76.000 Quadratkilometern größer als das größte deutsche Bundesland Bayern - einer der entferntesten Außenposten in Russisch Fernost. Doch inzwischen ist die dünn besiedelte Insel durch riesige Energieresourcen und den Kampf von Umweltorganisationen weltbekannt.
In den Tagesnachrichten befindet sich die Insel in den letzten Jahren vor allem aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten. Bei Sachalin lagern die weltweit höchsten Erdgasreserven, abgebaut vom russischen Energieriesen Gasprom und dem internationalen Ölmulti Shell. Zahlreiche Ausländer strömten in den letzten Jahren auf Sachalin, die Insel hat heute den höchsten Ausländeranteil von allen Regionen Russlands - und einen gerade in Russland überdurchschnittlichen Anteil an englischkundigen Russen. Überdurchschnittliche Löhne lockten gerade gebildete Russen aus vielen anderen Regionen in die Inselhauptstadt Juschno-Sachalinsk, doch der größte Teil der übrigen Insel ist noch immer von weitgehend unberührter Taiga und hohen Bergen geprägt. So ist die Bevölkerungsdichte der Region Sachalin mit 6,2 Einwohner pro Quadratkilometer nicht einmal halb so groß wie in Norwegen.
 (Sachalinkarte, zum vergrößern anklicken) |
Eine wunderbare Naturlandschaft also. Aber gerade hier hat die Entdeckung von Bodenschatzvorkommen wie so oft die Ouvertüre zu einer riesigen Umweltverschmutzung geliefert. Hier war natürlich gleich die weltweit agierende Umweltlobby von Greenpeace und Co zur Stelle und machten die Insel mitsamt Naturschätzen und drohender Zerstörung weltbekannt. |
Ein Bekanntheitsgrad, von dem die lokalen Oberen nun profitieren wollen. Nicht nur Wirtschaftsbosse, nein auch Touristen sollen aus dem Ausland nun nach Sachalin kommen, gerade aus dem benachbarten und überfüllten Japan. Von den Gasmultis wurde Finanzspritzen eingeklagt, die nun langfristig gewinnbringend angelegt werden wollen.
Doch nicht nur aktuell, auch in ihrer bewegten Geschichte war die Insel lange Zankapfel widerstreitender Interessen.. Von Norden hatten seit dem 17. Jahrhundert die Russen, von Süden die Japaner Fuß gefasst. Das Innere Sachalins war weitgehend menschenleer, gerade einmal 60 Ureinwohner lebten in einem Flusstal. 1875 wurde die Insel in einem Vertrag dem zaristischen Russland zugesprochen. Diese Regelung sollte nicht entgültig sein, von 1905 - dem russisch-japanischen Krieg - bis 1945 - dem Ende des Zweiten Weltkriegs - war der Südteil der Insel japanisch. Das Ende dieser Ära läutete auch das Ende der wenigen Ureinwohner ein. Diese hatten sich auf japanischer Seite engagiert und mussten deshalb Sachalin in Richtung zur benachbarten japanischen Insel Hokkaido verlassen. So sind heute fast alle Bewohner Sachalins Russen (Restanteil der Ureinwohner 0,5 %).
Bis auf die durch den Gasboom zugezogenen sind die Sachaliner Nachfahren ehemaliger Zwangsarbeiter. Bereits die Zaren kamen nach einigen eher weniger erfolgreichen Ansiedlungsprojekten auf die Idee, die Insel von russischer Seite vor allem mit unliebsamen Verbannten aus dem russischen Riesenreich zu bevölkern. Eine Tradition, die von den Kommunisten fortgeführt wurde. Das bekannteste literarische Werk über die Insel, „Die Insel Sachalin“ von Anton Tschechow, ist denn auch eigentlich eine Anklage der Zwangsarbeit im Zarenreich in Form eines Reiseberichts und als solche Weltliteratur.
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In der Boom-Hauptstadt und einzigen Großstadt Juschno-Sachalinsk ist hiervon wenig zu spüren. Wurden die Spuren der Zarenzeit doch bereits von den Japanern während ihrer 40jährigen Herrschaft komplett ausgelöscht und deren Spuren dann wiederum von den Sowjets. Der im größten Teil des 20. Jahrhunderts beherrschende Fischfang wird im neuen Russland durch andere Branchen verdrängt. Die Reihenhaussiedlungen und Fahrzeuge der Ölmultis schreien nach Versorgung, nach Telekommunikation und nach einer florierenden Bauindustrie. Moderne Hotelbauten bieten westlichen Standart für verwöhnte Wirtschaftsreisende und ihre Fassaden überlagern die auch hier einstmals beherrschende Tristesse sowjetischer Architektur. Alles in allem also eine Gratwanderung, die Sachalin momentan durchmacht, zwischen aufstrebender Wirtschaftsregion und Naturresort, zwischen Tourismushoffnungen und drohender Umweltzerstörung. Für die Zukunft der Insel ist alles offen und schon in einigen Jahrzehnten müsste man so einen Report vielleicht schon ganz anders schreiben.
Weblinks:
- Sakhalin.ru (engl./rus.) hier klicken
- WWF - Gefahren der Ölförderung bei Sachalin hier klicken
- The Sakhalin Times - englischsprachige Onlinezeitung in Juschno-Sachalinsk hier klicken
- Buchtipp: Anton Tschechow: Die Insel Sachalin (Besuch zur Zarenzeit) - hier klicken
(Kurzinfos und Links zu weiteren Städten und Regionen von Russisch Fernost finden sich HIER)