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Tor Bomann-Larsen: Der Leibarzt des Zaren (Buch)

Rezension von: Roland Bathon
Das Ende des russischen Zarentums beschäftigte in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Autoren. Von einer literarisch recht interessanten Seite, mit einem fiktiven Tagebuch, rollt der Norweger Tor Bomann-Larsen die Geschichte der letzten Wochen der rusischen Monarchenfamilie in seinem Werk Der Leibarzt des Zaren auf.

Der Tagebuchführer ist niemand geringeres als Doktor Botkin, der Leibarzt des letzten Zaren, der dessen Familie auch in der Realität bis in den Tod begleitete. Minutiös hält er den Tagesablauf der gefangenen ehemaligen Herrscher und großfürstinnen vom 17. April bis zum 04. Juli 1918 nach zaristischer Zeit (der gregorianische Kalender wurde erst von den Bolschewiki eingeführt) fest. Es ist ihr Aufenthalt in Jekaterinburg, in dem sie von ihrer Umgebung mehr und mehr separiert werden, bis schließlich ein Erschießungskommando der Bolschewisten ihrem Leben ein Ende setzt.

Botkin ist ein absolut treuer Monarchist, der im Werk von Bomann-Larsen auch fatalistische Züge trägt. Sein eigenes Privatleben ist zerrüttet, wenn nicht sogar zerstört und so ist seine an sich berufliche Bindung an die Zarenfamilie das einzige starke Band in seinem Leben. Mit ihnen schwankt er zwischen hoffen und bangen, zwischen Vertreibung der Langeweile und Momenten der höchsten Spannung und Ungewissheit. Er stellt die Zarenherrschaft zu keiner Zeit in Frage, auch wenn er einzelne besonders grobe Fehler der russischen Monarchie der Vergangenheit erkannt hat. So den düsteren Einfluss des Mönches Rasputin, der selbst vom Grab aus noch fortdauert. Auch hat er den bereits erfolgten absoluten Zusammenbruch des Zarismus – im Gegensatz zu den meisten Familienmitgliedern der Romanows – realisiert und die Beschränkung ihrer Herrschaft auf wenige Quadratmeter im Hausarrest.

An sich ist sowohl der Stoff als auch die Form der Verarbeitung eine Möglichkeit für einen potentiellen Bestseller. Dennoch ist das Werk nicht perfekt. Vor allem in der ersten Hälfte schleppt sich das Buch zeitweise etwas vor sich hin. Zu häufig unterbricht der fiktive Autor Botkin das aktuelle dramatische Geschehen für umfangreiche Rückblicke auf Krankheiten des Thronfolgers, die Abdankung, Revolutionen und vieles mehr. Natürlich alles geschichtliche Ereignisse, die jedoch im Gegensatz zu den letzten Tagen in Jeketarinburg bereits in zahlreichen Werken behandelt wurden und durch ständig andere Handlungsplätze und -zeiten den Hauptplot stark fragmentieren.

In der zweiten Hälfte gewinnt das Geschehen dann doch an Fahrt. Auch weiß der Leser im Gegensatz zum ahnungslosen Botkin, dass man sich dem dramatischen Ende der Hauptlinie der Romanows im Kugelhagel nähert. Für ihm teilweise belanglose und teilweise rätselhafte Vorgänge wie dem kompletten Wechsel der Wachmannschaft hin zu Ausländern unter nüchtern-korrekter Leitung verdichten sich zur Gewissheit, dass das Unvermeidbare unmittelbar bevor steht. Die Rückblenden werden seltener, kürzer und handlungsbezogener, ein enges, gut nachvollziehbares Verhältnis Botkins vor allem zur tiefgründigen und attraktiven Zarentochter Olga verstärkt geschickt die Dramatik.

Eine große Stärke des Werkes ist seine genaue Recherche des tatsächlichen Ablaufs der letzten Tage der Romanows in Jekaterinburg, die aus Botkins subjektiver Sicht mitten aus dem Geschehen nacherzählt wird. Literarische Freiheiten des tatsächlichen Autors widersprechen nie den bekannten geschichtlichen Fakten, sondern ergänzen sie nur zu einem Gesamtkunstwerk. So ist das Buch trotz seiner Längen im ersten Teil für Interessierte am Ende dieser Epoche durchaus lesenswert. Ein ausgewogenes Bild dieser Zeit darf man natürlich aus der Sicht eines der letzten Freunde des Zaren Nikolaus II. nicht erwarten – aber dennoch ein recht unterhaltsames und gut recherchiertes Stück Geschichte mitten aus dem Zentrum des Geschehens berichtet.

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Daten zum Buch: Tor Bomann-Larsen: Der Leibarzt des Zaren; ISBN 978-3940731210, Osburg-Verlag 2009

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