Rezension von: Roland Bathon
Auf eine Zeitreise zurück in die Epoche der Wolgadeutschen (Sowjet)republik nimmt den Leser der historische Roman Russland liegt gegenüber von Manfred Bannmann. Er lässt eine Region im Original wiederauferstehen, deren damaliger Charakter nach dem überfall Hitlers auf die Sowjetunion für immer verloren ging.
Es wird das fiktive Schicksal zweier deutscher Familien in Russland in der Zeit zwischen der Oktoberrevolution 1917 und der Massendeportation der Russlandddeutschen nach Kasachstan und Sibirien 1941 mit dokumentarischen Zügen geschildert. Ziel des Autors ist es dabei, dem Leser an Hand der beiden realistisch klingenden Beispiele ein möglichst umfassendes Bild der Lebensweise der Russlanddeutschen zu dieser Zeit zu vermitteln.
Da ist zum einen die Familie Hauser. Sie ist seit Jahrhunderten in einem kleinen Dorf im damals geschlossenen deutschen Siedlungsgebiet am großen Strom ansässig. Nur die Kinder können anfangs überhaupt Russisch. Vater Hauser war dennoch unter dem Zar Dorfschulze, ein niederer Beamter, jedoch kein sonderlicher Anhänger der Monarchie. Weitab von den großen Städten erleben er und seine Familie Revolution und Bürgerkrieg nur durch ein paar Episoden am Rande mit und empfinden die Machtübernahme der Kommunisten mit der Gründung der Wolgarepublik, die unter dem Zar nicht bestand, am Anfang als eine Chance auf mehr Selbstständigkeit. Auch viele Russlanddeutsche stehen in dieser Zeit dem Sowjetregime positiv gegenüber oder engagieren sich aktiv, was die sehr konservative Führung der heutigen Russlanddeutschen Verbände manchmal gerne vergessen machen will. Hart getroffen werden die Hausers dann jedoch von der Zwangskollektivierung unter Stalin, die sie um einen mageren, selbst erarbeiteten Wohlstand bringt. Doch diese ist nur die Ouvertüre zur Katastrophe, die sie unverschuldet nach dem überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR trifft: Die Zwangsverschleppung nach Osten, wo die vor Ort gebliebenen Russlanddeutschen bis heute mehrheitlich zu Hause sind.
Zum anderen spielt eine Hauptrolle der junge Kommunist Martin Faber. Er kommt im Jahr der deutschen Hyperinflation 1923 als Einwanderer aus Berlin in die Sowjetunion, um hier beim Aufbau einer bessere Welt zu helfen. Keine so außergewöhnliche Sache übrigens in dieser Epoche oder der späteren Weltwirtschaftskrise, was heute weitgehend vergessen ist. Den gelernten Dreher verschlägt es nach Saratow und dort findet er schnell Kontakt zur wolgadeutschen Minderheit. So lernt er auch Hausers Tochter Sabina kennen, heiratet und baut im russischen Umfeld eine eigene Familie auf. Aufgrund seiner technischen Begabung wird ihm ein Ingenieursstudium und eine entsprechende Stelle in Uljanowsk vermittelt. Doch auch er macht in der zweiten Hälfte des 30er Jahre wie viele damals in der UdSSR lebende deutsche Kommunisten negative Erfahrungen mit dem Apparat der entstandenen Diktatur. Von Faber unverschuldet gipfeln die Repressionen schließlich kurz vor dem deutschen überfall auf das Sowjetreich in seiner Ausweisung. Desillusionisiert muss er sich auf den Weg zurück in eine ungewisse Zukunft in Nazi-Deutschland machen. Mit ihm reisen Frau und Kind, für die Deutschland trotz ihrer Nationalität keine Heimat ist.
Wie man sieht interessante Beispiele, die den Lauf dieser wechselvollen Jahre gut verdeutlichen. Ein literarisches Meisterwerk ist hierbei Russland liegt gegenüber leider nicht. Zu hölzern und manchmal regelrecht konstruiert wirken manche Dialoge, mit denen der Autor seinen Lesern über die Romanfiguren Hintergrundwissen mitteilen will. Dennoch bleibt die Geschichte meist packend und das Buch ist gut zu lesen für alle, die sich für dieses fast vergessene Epoche an der Wolga oder historische Romane interessieren.
Etwas merkwürdig ist die Wahl des Buchtitels angesichts der Tatsache, dass sich die Wolgadeutschen am Ende gerade darüber empören, dass ihnen unterstellt wird, sie fühlten sich nicht zu Russland gehörig und seien eine fünfte Kolonne Hitlers. Sehr überzeugend schildert der Autor ansonsten, wie sehr sich selbst die abgeschiedenen und geschlossenen deutschen Siedlungen mit Russland als Heimat identifizierten. So lag Russland eigentlich nicht dem Wolgadeutschen Gebiet gegenüber, sondern es fühlten sich die Wolgadeutschen als rechtmäßiger Teil des Zaren- und dann Sowjetreichs mit eigener Nationalität, wie heute noch viele Völker im neuen Russland. Sehr lebendig sind im Werk die Naturbeschreibungen der Flusslandschaft. Diese erwecken in jedem, der den Handlungsort des Gebiets schon einmal selbst kennenlernen durfte, die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu diesem mächtigen Strom.
Zusammenfassend ist Russland liegt gegenüber ein lesenswertes Buch, das in der Tat die für Jahrhunderte existierende und dann verschwundene Welt der Wolgadeutschen auferstehen lässt. Die Lebendigkeit dieser Auferstehung tröstet über vereinzelte Schwächen hinweg.
Manfred Bannmann: Russland liegt gegenüber – Schicksal deutscher Siedler an der Wolga, Roman, 408 Seiten, ISBN 978-3-837053920;
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