Rezension von: Roland Bathon
Verliebt in Sankt Petersburg heißt ein kleines Büchlein der dort geborenen und schon seit über 15 Jahren in Deutschland lebenden jungen Autorin Lena Gorelik. In der Tat ist es wie im Klappentext angegeben die ideale Vorbereitung auf eine Reise in die Newa-Metropole. Wenn auch aus einem völlig anderen Grund, als in der Buchinformation genannt.
Liest man die Verlagsbeschreibung von Verliebt in Sankt Petersburg, denkt man zuerst an so etwas wie einen alternativen Reiseführer voller Geheimtipps. Doch eigentlich ist das Buch eine liebevolle und tief gehende Reisebeschreibung verbunden mit einer Hommage an die alte Heimatstadt der Autorin. Diese ist bereits 1992 im zarten Alter von 11 Jahren aus Russland weg gezogen, kehrt jedoch immer wieder in die alte Heimat zur dort noch immer lebenden Verwandtschaft zurück.
So erinnert die frisch angekommene Autorin von ihrem Blickwinkel zunächst an einem typisch deutschen urbanen Twen. Da sie auf ihrer Reise wesentlich tiefer mit der Lebensart der Petersburger konfrontiert wird, als das für einen normalen Touristen möglich ist, prallen am Anfang Welten und grundverschiedene Einstellungen aufeinander. Dass hier auch Frau Gorelik zunächst nicht frei von den Klischees ihrer modernen mitteleuropäischen Haltung ist, beweist sie gleich zu Beginn bei dem Versuch der Zerstörung des Mythos russische Frauen, in dem sie den ihr ungleichen örtlichen Geschlechtsgenossinnen nur ein eigenes negatives Stereotyp als Mythenzerstörung entgegenstellen kann.
Doch im Verlauf des Aufenthalts, der dem Kennen lernen der Stadt durch einen deutschen Bekannten dient, bricht dann doch die russische Seele von Frau Gorelik durch das zu Beginn noch so perfekt-westlich scheinende Weltbild. Und das ist auch der Punkt wo dieses übrigens zu keiner Zeit langatmige Buch, richtig lesenswert wird. Lena Gorelik schildert geschickt und einfühlsam dem Leser die Lebensart der Russen und die Besonderheiten der Sankt Petersburger. Sie wandert durch ihre einzigartige alte Heimatstadt, streift Kultur und Architektur, doch im Mittelpunkt des Geschehens stehen die Menschen der Stadt. Und deren Mentalität transportiert sie in ihrem Büchlein wesentlich besser zum deutschen Leser, als es je ein Reiseführer vermocht hätte. Hier spielt sie ihren Vorteil aus, sich selbst nach Russland und Petersburg hinein fühlen zu können, jedoch auch die Mentalität ihrer deutschen Leser zu kennen und verwandelt sich damit in eine Brücke zwischen Welten.
So bewegen wir uns auf der Spur der Autorin durch die Stadt, in der Verkäuferinnen nie lächeln. Wir fahren in der welttiefsten Metro - ein Abenteuer für sich - und bekommen den (natürlich) weltbesten Kulturgenuss am billigsten mit einem original russisch wirkenden Gesicht. Wir erfahren, warum man gegenüber Einheimischen nicht gut über Moskau spricht und nehmen an originalen Datscha- und Wodkaabenden mit viel Sakuski (den notwendigen Beilagen) teil. Der etwas andere Blick auf die eine oder andere bekannte Touristenattraktion wie die Weißen Nächte oder Geheimtipps wie die Bäckerei mit den weltbesten Süßwaren fehlt nicht, drängt sich aber nie ins Zentrum des Werks. Alles erfahren wir in einem humorvollen Plauderton, bei dem es einfach Spaß macht, zu lesen.
Das Interesse am Buch bleibt Frau Goreliks Stil sei dank - bis zur letzten Seite erhalten. Es wundert hier nicht, dass ihre beiden bisherigen Romane Meine weißen Nächte (Bayerischer Kunstförderpreis) und Hochzeit in Jerusalem (Nominierung Deutscher Buchpreis) so große Erfolge waren. Verliebt in Sankt Petersburg wird sich wohl ähnlich gut verkaufen, denn der darin geschilderte Blick auf die Stadt und ihre Bewohner ist tiefer, als der, den ein Reiseführer bieten kann. So sei das Buch jedem empfohlen, der sich für Sankt Petersburg interessiert. Man wird durch das Buch nicht den Kauf eines Reiseführers sparen, jedoch die Menschen vor Ort besser verstehen. Eine besondere Empfehlung ist das Werk für den Flieger zur Newa so ist man früher mitten in der Stadt oder für alle, die schon länger dort waren. Verblasste Erinnerungen werden lebendig und Sehnsüchte erwachen.
Daten zum Buch: Verliebt in Sankt Petersburg Meine russische Reise von Lena Gorelik, SchirmerGraf-Verlag München, ISBN 978-3-86555-054-5
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