Rezension von: Roland Bathon
Er ist eigentlich schon ein Dokumentarklassiker, der Film Russland´s Wunderkinder, der hinter die Kulissen der zentralen Musikschule Moskau und ihrer hochbegabten kleinen Pianoschüler schaut. Bis auf Welttourneen führt diese 8-16jährigen Talente ihre tägliche harte Arbeit an schwarzen und weißen Tasten. Im Sog des Erfolgs der aktuellen Dokumentation Rubljovka aus dem gleichen Hause Lichtfilm ist die Musikreportage nun neu auf DVD erschienen.
Die vier Klavierschüler Lena (16), Nikita (9), Ira (8) und Mitja (10) werden über mehrere Monate ihres Lebens in der Zeit kurz nach dem Millennium begleitet. Geschildert wird der krasse Gegensatz ihrer Auftritte als junge Stars bis vor UNO und Papst und ihrem oft ärmlichen und auf jeden Fall harten Leben und Arbeiten daheim in Moskau.
Die Kinder wurden vom Produktionsteam rund um Irene Langemann geschickt ausgewählt. Lena steht kurz vor dem Abschluss ihres Studiums an der Schule. Einstmals international gefeiertes Wunderkind, muss sie nun als junge Frau ohne den Kinderbonus im harten internationalen Musikgeschäft um das Überleben kämpfen. Nicht einmal ihr großes Talent ist dabei eine echte Versicherung gegen den Untergang. Der kleinsten, Ira, steht der Weg durch die Schule noch bevor. Als Beste der 2. Klasse tourt sie erstmals ohne Mama und Papa als Vorzeigeschülerin ins Ausland, wo sie phonetisch gefeiert wird. Sie stammt aus der russischen Intelligenzia und auch ihre Geschwister sind musikalisch hoch begabt. Nikita besitzt großes Talent zur Komposition und schreibt mit 8 schon seit mehreren Jahren eigene Stücke, Mitja tourt 10jährig bereits zu eigenen Solokonzerten ins Ausland.
Man merkt dem Bericht an, dass sich ihre Macher Zeit genommen haben. Zeit, um das außergewöhnliche Leben der vier Kinder und den Alltag an ihrer Schule wirklich realistisch zu schildern. Es wird auf jede Kommentierung von außen verzichtet. Nur aus den Erzählungen der Protagonisten, ihrer Lehrer und Agenten, aus Konzertausschnitten und Alltagsszenen baut sich die Reportage auf. Man sieht die geringe Zeit der Kleinen zum Kind sein, die Chancen und die Risiken, die in der Zukunft als Berufsmusiker stecken. Man staunt über die Reife so junger Musiker und ihre unglaubliche Klavierspielkunst, mit der manchmal sogar ihre Lehrer nicht Schritt halten können. Man ist erschrocken, wenn man von den geringen Gagen der kleinen Stars hört und von den gewaltigen Problemen, vor der zur damaligen Zeit ihre Schule stand. Finanziell am Tropf des Moskauer Bürgermeisters, war sie in einem baufälligen Gebäude untergebracht. Nicht besser als die Familien der Jungstars, die mit der Moskauer Wohnungsnot oder der Zahlung der nächsten überteuerten Miete zu kämpfen hatten.
Der im Jahr 2000 von Lichtfilm in Kooperation mit dem WDR und ARTE produzierte Report schlug damals hohe Wellen und wurde auf vielen Festivals auf der ganzen Welt gezeigt New York, Amsterdam, Tel Aviv, München, Toronto auf jedem Dokumentationsevent von Rang war er zu Gast. In San Francisco wurde er 2001 mit dem Golden Gate Award ausgezeichnet. Dennoch ging es ihm wie fast allen Dokumentarfilmen - später wie den meisten seiner Hauptdarsteller: Trotz ausgezeichneter Qualität war er für das breite Publikum kaum noch zu sehen.
So ist es ein Glück, dass durch den überraschenden Erfolg der Superreichen-Reportage Rubljovka aus Moskau nun auch dieses Werk für den heimischen DVD-Player auf den Markt gekommen ist. Die Anschaffung ist sehr zu empfehlen für alle Interessierte an russischer Kultur oder erstklassigem klassischen Klavierspiel, von dem es einiges zu hören gibt. In 98 Minuten erfährt man viel Interessantes über die frühen Jahre russischer Starpianisten.
Ergänzt wird die DVD durch exklusives Bonusmaterial wie Konzertaufnahmen, Biographien und Hintergrundkommentaren der Regisseurin. Schade ist nur ein wenig, dass man nichts darüber erfährt, wie es mit dem Lebensweg der Jungtalente in den sieben Jahren bis zum Erscheinen der DVD weiter ging. Aber das wäre vielleicht gleich Stoff für eine weitere Produktion. Es ist zu hoffen, dass der Erfolg von Rubljovka den talentierten Dokumentarfilmern rund um selbst aus Russland stammende Regisseurin Irene Langemann die Möglichkeit gibt, noch viele solch tief gehenden Berichte zu kreieren.
Der Film ist im DVD-Handel oder direkt beim Vertragshändler von Lichtfilm unter www.absolutmedien.de erhältlich.
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